Monatsarchiv: Mai 2012

Böhmens Wälder sind lieblich, schwarz und tief: Master’s Hammer – The Jilemnice Occultist (Osmose Prod., 1992)

© Osmose Productions / Pic: wikimedia

Ach, já ubožák, tím širým bloudím světem – Oh, ich bin erbärmlich, ich bewandere die offene Welt… so beginnt der letzte Vers von „The Jilemnice Occultist“ der Tschechen MASTER’S HAMMER. Das Nachfolgealbum zum Debut „Ritual“ (1991), laut Fenriz (DARKTHRONE) übrigens musikalisch „actually the first norwegian (sic!) black metal album“, ist in so vielerlei Hinsicht außergewöhnlich, dass es zugegeben schwer fällt, einen Einstieg in eine Rezension zu finden, die diesem Kleinod des Black Metals auch nur im Ansatz gerecht werden könnte. But anyway – vorweg erstmal eine Geschichte:

Riesengebirge, anno 1913. Den jungen Prager Studenten Atrament führt es in das Dorf Jilemnice, Teil eines kleinen Konglomerats von Städtchen, die zu dieser Zeit von der Faszination für okkulte Praktiken ergriffen und gebannt sind. Die Dorfgemeinde trifft sich allabendlich zu Séancen im örtlichen Gasthaus „Zum Spiritus“, wo sich – aller gesellschaftlichen Unterschiede zum Trotz – das Volk den geheimnisvollen und dunklen Phänomenen hingibt. Atrament, selbst von einer gewissen Faszination für das Okkulte beseelt, doch dabei im Gegensatz zur recht einfältigen Landbevölkerung gewitzt und von sprühendem Geiste, quartiert sich dort ein und lernt die Tochter des Eigentümers, Kalamaría, kennen. Sie sind voneinander fasziniert und verbringen ihren ersten gemeinsamen Abend im Zeichen der verborgenen Künste. Doch Unfrieden droht dem Landstrich, als Herzog Clement Bombastus von Satrapold zum neuen Kommandanten der Ordnungskräfte ernannt wird. Er will nun mit eisernem Besen dem Okkultismus zu Leibe rücken, der das Land ökonomisch zu verheeren droht…

Séance-Szene aus Fritz Langs Stummfilm

Séance-Szene aus Fritz Langs Stummfilm „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922) / Pic: gettyimages

Und damit sind wir schon beim vielleicht Ungewöhnlichsten an „The Jilemnice Occultist“ (tschech. Originaltitel: „Jilemnický Okultista“). Denn es handelt sich hierbei um nichts weniger als eine waschechte Operette. Das bedeutet, hier gibt es Dramatis Personae, hier gibt es ein vollständig ausgearbeitetes Libretto, hier wird in Dialogen und Monologen in drei Akten eine kleine, phantastische und dunkle Geschichte erzählt. Über elf Songs und insgesamt 51 Minuten Spielzeit erstreckt sich das Abenteuer um den jungen Okkultisten Atrament, die schöne Kalamaría, den bösen Satrapold und noch ein paar kleinere zwielichtige Charaktere. Neugier, Liebe, Zweifel, Habgier, Witz, Gefallsucht und Depression, ja sogar ein tragischer Selbstmord werden verarbeitet, bis zum Schluss alle die Gläser erheben und der feierliche Ruf ertönt: „Sláva, sláva, sláva, pane hejtmane!“ – Ruhm und Ehre, Herr Hauptmann!

Böhmische Dörfer

Doch genau diese eigentümliche Komplexität ist es wohl auch, die das Album insgesamt etwas sperriger als noch seinen Vorgänger erscheinen lässt. Wo damals allein in Tschechien von „Ritual“ über 25 000 Exemplare verkauft werden konnten, blieb „The Jilemnice Occultist“ ein Jahr später weit hinter den Erwartungen zurück. MASTER’S HAMMER spielen hier zwar immer noch Black Metal; aber das ist gleich in doppelter Hinsicht zu relativieren. Auch wenn Fenriz „Ritual“ (nicht ganz unberechtigt) als erstes „norwegisches“ Black Metal Album bezeichnet, so unterscheidet sich der Sound der 1987 in Prag gegründeten Band doch grundlegend von der norwegisch-schwedischen Schule der frühen 90er. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die osteuropäische Szene durch den eisernen Vorhang lange Zeit die Möglichkeit hatte, sich isolierter zu entwickeln. Auf „Ritual“ findet sich definitiv Old-School Black Metal mit Tendenz zum Second Wave Sound, wie ihn etwa auch die Ungarn TORMENTOR um MAYHEM-Vocalist Attila Csihar bereits Ende der 80er zelebrierten; doch dabei auf eine sehr eigenständige, ja eben sehr „tschechische“ Art eingezimmert. Außerdem bedienen MASTER’S HAMMER mit „Ritual“ eine klassische Ästhetik: Die Lieder sind eigenständige, abgeschlossene Einheiten, die jedes für sich gehört einen Old-School Black Metal Fan ansprechen müssen. Der okkulte Gehalt steckt in jedem einzelnen Song für sich, die punkige Rohheit und blasphemisch-rebellische Urkraft kann aus jedem Lied ohne Probleme gefiltert und aufgesogen werden. Das Album erschließt sich relativ leicht, hat ursprünglichen, organischen Charakter.

Master's Hammer zu Ritual-Zeiten; v.l.n.r.: Valenta, Monster, Silenthell, Necrocock, Storm / Pic: last.fm

Master’s Hammer zu Ritual-Zeiten; v.l.n.r.: Valenta, Monster, Silenthell, Necrocock, Storm / Pic: last.fm

All das ist auf „The Jilemnice Occultist“ anders. Hier hat František Štorm, Gitarrist, Vocalist und Mastermind, wirklich alle Register der Genialität gezogen und das visuelle, lyrische und musikalische okkult-spiritistische Grundkonzept seiner Band mit den romantischen und mystischen Reizen seiner böhmischen Heimat verbunden. Dadurch hat er es gehoben und es gleichzeitig verlagert. Okkult ist nun nicht mehr (nur) das einzelne Lied, sondern die Geschichte selbst. Das hat jedoch zur Folge, dass die Platte hohe Ansprüche an den Hörer stellt. Sie will erfahren werden wie ein guter Wein, der sich auch erst im richtigen Glas und zur rechten Stunde, mit dem richtigen Ambiente und nicht zuletzt dem Wunsch nach intensiver Geschmackserfahrung auf der Basis besonderer Wertschätzung voll entfalten kann. Es reicht dabei auch nicht, das Album nur als „Konzeptalbum“ zu betrachten. Denn konzeptlos sind MASTER’S HAMMER nie. Um hier in den vollen Genuss zu kommen, sollte man sich vielmehr wirklich Zeit nehmen und das Album als das verstehen, das es ist: eine Operette. Das heißt, das Libretto zur Hand nehmen! Da Štorm grundsätzlich nur in seiner Muttersprache Texte verfasst (was allein schon aufgrund der extrem harten und passenden tschechischen Phonetik absolut begrüßenswert ist), ist es sehr hilfreich, dass der CD Version ein Überblick über das Libretto auf Englisch beiliegt. So hat man zu jedem Lied eine Handlungs- und Szenenbeschreibung, die einem hilft, der Geschichte zu folgen. Leider taten und tun das nur die wenigsten, weshalb „Jilemnice“ für die meisten das blieb, was es auch realiter bis heute ist: ein böhmisches Dorf.

Okkulter Musik-LK

Und damit komme ich zur großen Stärke dieses Albums: die musikalische Umsetzung der besonderen künstlerischen Verfasstheit des Stoffes. Wie bereits erwähnt, liefern die Jungs hier immernoch Black Metal ab. Doch dieser wurde im Gegensatz zum Vorgänger deutlich orchestraler ausgestaltet. Wer hier jedoch nun an Bands wie CRADLE OF FILTH oder DIMMU BORGIR in Phasen ihrer entrücktesten Umnachtungen denkt, liegt völlig daneben. MASTER’S HAMMER sind weit von irgendwelchem Melodic oder Symphonic „Black“ Metal der späten 90er und frühen 2000er entfernt. Hier gibt es keine Plastik-Klischees oder bis zum Erbrechen in den Vordergrund gemixte Keyboards, die aussagefreie Zirkusmusik dudeln. Dieses Album zeigt vielmehr eine Band, die sich ganz klar einer künstlerischen Avantgarde zurechnet. Virtuos werden hier Old-School Elemente wie sehr akzentuiertes, treibendes, aber stets dynamisches Gitarrenspiel und donnernde, bisweilen die Stimmung durch Blastbeats unterstützende Drums mit geradezu klassisch anmutender Kompositionsweise verbunden. Schon auf „Ritual“ hatten MASTER’S HAMMER einen festen Paukisten im Lineup, doch auf „The Jilemnice Occultist“ nehmen die Timpani von Silenthell nun einen deutlich wichtigeren Platz und mehr Raum ein. Das Keyboard von Vlasta Voral bringt in nie überladen wirkender Weise, sondern sehr bewusst und oft in Einheit mit Pauke und Gitarren die Atmosphäre in Richtung Gänsehaut. Sogar in GLORY, HERR HAUPTMANN…!, dem wohl markantesten weil verspieltesten Track des Albums, wirkt das Keyboard nie penetrant, sondern im Gegenteil ungemein geistreich, frisch und originell und fügt sich so trotz seiner Auffälligkeit harmonisch in dieses Stück, das mit seinen vielen Ideen wie etwa Chorgesang, Fanfaren- oder Xylophonanklängen eine merkwürdig heroische Stimmung erzeugt, die zu jeder Sekunde mitreißt – dabei jedoch nie den schmalen Grad zwischen okkulter Düsternis und skurrilem Humor verlässt. Selbst eine OUVERTURE fehlt dem Album nicht, in der durch mystische Keyboardstaccatos und dramatische Gitarren und Pauken die Dynamik der Geschichte hervorragend antizipiert wird. Das Anfangsthema des Keyboards sowie einige Gitarrenpassagen werden dann auch im letzten Track SUCHARDA’S HOME in Reminiszenzen wieder aufgegriffen.

Master's Hammer Promo-Shot, ca. 1991 / Pic: last.fm

Master’s Hammer Promo-Shot, ca. 1991 / Pic: last.fm

Aber das wirklich Spannende und Faszinierende an der Komposition sind die feinen Elemente einer Sinfonischen Dichtung. Man hat fast das Gefühl, MASTER’S HAMMER haben sich hier ein wenig an ihrem Landsmann Bedřich Smetana und seinem bekannten Werk „Má vlast“ orientiert. Wenn in A DARK FOREST SPREADS ALL AROUND Herzog Satrapold eine Jagd unternimmt, während der er einen Reitunfall erleidet, sitzt man gebannt vor den Lautsprechern und lauscht den treibenden Paukenschlägen und der Doublebass, die zusammen mit den dezent an Jagdhörner erinnernden Gitarren und Keyboards die Szenerie gewaltig und bedrohlich vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Wenn in IN THE MISERY OF FATE I’M HAUNTED… der tragische Blether sein Schicksal beklagend und von Alkohol getränkt durch die Straßen irrt, kann man im traurigen Hauptthema des Stücks förmlich seinen verzweifelten Selbsthass hören und das Keyboard singt dabei über den Blether unweigerlich auf den Abgrund zutreibenden Gitarren das Klagelied der Seele. Vor seinem Selbstmord wird die Zuspitzung durch gewaltige Paukenwirbel und ein bedrohliches Messerwetzen deutlich, während disharmonische Keyboard- und Gitarrenläufe sich unaufhaltsam in den Wahnsinn schrauben.

One throat to rule them all

Über alledem thront die unvergleichliche Stimme von Franta Štorm. Seine einzigartigen, gekrächzten Black Metal Vocals, die er vermutlich durch eine spezielle Inhale-Technik hervorbringt, waren schon auf „Ritual“ markant. Doch was er hier abliefert, ist so jenseits von Gut und Böse, dass man nur noch mit offenem Mund vor seiner Anlage sitzt. Die mit solcher emotionalen Inbrust raus geächzten tschechischen Libretto-Verse lassen einem wahrlich das Blut in den Adern kochen und gefrieren zugleich. Dabei verändert Štorm, je nach Sprechrolle, die Tonlage seiner zerschundenen Kehle, sodass man, wenn man genau darauf achtet, sogar die Personen voneinander unterscheiden kann (z.B. schön zu hören in MY CAPTAIN…). Das Album gewinnt dadurch ungemein an Persönlichkeit, nicht zuletzt durch kleine lyrische Details, die zusammen mit der tondichterischen Heransgehensweise die Geschichte lebendig machen. Das absolut kultige Husten Atraments und das Lachen der Wahrsagerin in AMONG THE HILLS A WINDING WAY, oder der kauzige Germanismus „Himmelherrgott“ des überführten Bösewichts Poebeldorf in OH, MY PRECIOUS SIR, DO YOU REMEMBER WHEN… sind dafür nur zwei Beispiele.

Fazit: „The Jilemnice Occultist“ ist nichts weniger als ein Stück Black Metal-Geschichte. Es war damals einzigartig und hat bis heute nichts von seiner Sonderstellung eingebüßt. Was da 1992 aus den böhmischen Wäldern heraus schallte ist ein echtes Kunstwerk und sollte als solches begriffen werden. Die Songs funktionieren auch einzeln, das Album verzeichnet musikalisch keinen Ausfall. Dennoch erlangt man aufgrund der komplexen konzeptuell-stilistischen Darbietung einen wirklich tief dringenden Hörgenuss erst dann, wenn man mit Libretto und vielleicht einem guten tschechischen Bier auf der Couch sitzt und auf all die Details achtet, die, setzt man sie richtig zusammen, dieses besondere Album zu einem echten Trip machen. Man wird belohnt für seine Beschäftigung mit dem Werk. Wenn man will, kann man sich auch den Spaß machen und die tschechischen Verse einmal durch den Translator jagen. Das Ergebnis kann zwar in keiner Weise befriedigen, aber es wird ungefähr deutlich, wieviel poetische Kraft in der Feder von Franta Štorm steckt.

Master's Hammer heute; v.l.n.r.: Franta Štorm, Vlasta Voral / Pic: last.fm

Master’s Hammer heute; v.l.n.r.: Franta Štorm, Vlasta Voral / Pic: last.fm

Die einzigen Kritikpunkte, die man dem Album vorhalten kann, sind vielleicht die zum Ende hin ein wenig unglaubwürdige Wendung der Geschichte sowie das stellenweise zu getriggert klingende und im Bereich der Doublebass etwas dünn abgemischte Schlagzeug, was aber im Hinblick auf die Atmosphäre der Platte sehr marginal ausfällt. Leider hat das Album nie die Beachtung erfahren, die es verdient hätte. 1992 war ein Wendejahr im Black Metal und ein halbes Jahr später sollte die ganze Welt gebannt auf eine Szene in Skandinavien schauen, die von einer Medienkampagne ohne Beispiel zum Trend erklärt und ausgeschlachtet wurde. Es verdunkelte sich um MASTER’S HAMMER. Doch das ist gut so. Es gewährleistete der Band die Ruhe, ihre eigenen Wege zu gehen, abseits von Hype und Kommerz. Gerade erst erschien ihr neues Album „Vracejte konve na místo“. Aufgenommen in den böhmischen Wäldern, erschienen im Selbstverlag. Nahtlos anknüpfend an die großen Zeiten. Doch nur für die, die sich darum bemühen…

Für mehr Informationen zu Master’s Hammer und ihrem Werk: Homepage; Encyclopaedia Metallum
Label: Osmose Productions

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