Pure Nostalgie: Radio Moscow @ Schlachthof Wiesbaden (Kesselhaus), 09.08.2016

Als Nostalgiker und Liebhaber von guter Musik beschleicht einen zeitweise die fatale Vermutung, dass es bald wohl vorbei sein könnte. Vorbei die Zeiten, in denen Musik eine Form darstellender Kunst war. Verschwunden die Aura von Intellekt und Genialität, die gute, ehrliche Musiker zu versprühen wussten. Zur Unscheinbarkeit verblasst der Glanz von frühen Größen, die mit ihren musikalischen Beiträgen ganze Genres revolutioniert oder erst aus der Taufe gehoben haben. Im zahl- und gesichterlosen Wirrwarr der Youtube-Sternchen, die auf rein computergenerierte Beats ihre effektüberladenen Stimmchen durch knarzige Laptoplautsprecher in die Welt herausquieken, scheint es so etwas wie eine Daseinsberechtigung für geniale Musiker kaum noch zu geben…

Wären da nicht die Sparten. Gut, dass die Beletage der reichen Industrienationen lieber Klassik als Plastik hört. Gut auch vor allem, dass das Rockgenre seit seiner Entstehung Mitte des zurückliegenden Jahrhunderts sich in so unendlich viele diffuse Arme verzweigt hat, dass nicht nur der Mainstream, sondern auch die Nebenströme sich auf eine breite Basis stützen können.


Parker Griggs ist Nostalgiker. Der Kopf von RADIO MOSCOW sieht aus wie seine Eltern: Langes dünnes Haar, der Versuch eines ernstzunehmenden Bartes, Schlaghose und weitfallendes Shirt im Blumenschick der 68er, dekoriert mit einer abgeranzten Strat in Sunburst Ton und – ganz Rory Gallagheresque – nicht gekappte Saiten.

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Radio Moscow – livin‘ up to that 68 spirit (© http://www.alive-records.com)

Wobei hier von reiner Dekoration zu sprechen den Fähigkeiten des Mannes aus Iowa absolut nicht gerecht werden würde. Beim Auftritt seiner Band im Kesselhaus des Schlachthofs Wiesbaden wird relativ schnell klar: Griggs ist Virtuose, der Gegenentwurf des modernen Hipsters. Während die Einwohner von Berlin Kreuzberg, New York Williamsburg und Co. wohl meist eher reine Pretender sind, lebt Griggs den von ihm abgebildeten Lebensstil mit jeder Faser.

Das bedeutet auch eine besondere Form von Kommitment, eben die Bereitschaft, sich mit der  Kunst professionell auseinandersetzen und sie nicht als reines Hobby mit nettem Nebenertrag zu betrachten. Das akribische Üben von Tonleitern und Klangfarben etwa muss man schon bewältigen, wenn man auf das Niveau kommen will, auf dem Griggs auch an diesem Abend performt. Gepaart mit einem offensichtlich in erhöhtem Maße vorhandenen musikalischen Talent, fließt die dabei entstehende Energie durch Griggs Fingerspitzen und das Palisandergriffbrett, durch die Orange Amps in die Ohrmuscheln der meist leicht betäubten Zuhörer und verbreitet unter diesen eine Art Woodstock-Make-Love-not-War-Die-Welt-ist-ein-Sonnenblumenfeld-Feeling. Auf Ansprachen an das Publikum verzichtet Griggs dabei meist. Das typische Publikum im Wiesbadener Kesselhaus besteht ohnehin aus einem sehr eng gefassten Klientel und so bedarf es keiner weiteren Worte, um die Message zu transportieren, die an diesem Abend im Raum steht und die man mit so etwas wie dem bekannten Zitat von FRANK ZAPPA greifbar machen könnte:


„Information is not knowledge. Knowledge is not wisdom. Wisdom is not truth. Truth is not beauty. Beauty is not love. Love is not music. Music is the best.“


So besinnt man sich auf das Wesentliche. RADIO MOSCOW spielen einen hyperpsychedelischen Blues-Rock, der ähnlich von der Virtuosität seines Protagonisten lebt, wie das etwa bei RORY GALLAGHER oder THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE der Fall war. Songs, wie die ebenfalls im Kesselhaus dargebotenen I JUST DON’T KNOW, BROKE DOWN oder DEEP BLUE SEA sind dabei von denkbar einfacher Struktur. Sie basieren in der Regel auf einem simplen Blues Riff oder Lick das meist durch die Laufzeit des Songs auch kaum entwickelt wird. Was die ganze Sache so interessant macht, sind die eingestreuten Verzierungen in Form von Griggs‘ ausufernden Solobeiträgen, dem 60er/70er Jahre Groove, der starken, rauhen, aber nicht penetranten Stimme.

Zu Zeiten der oben genannten Legenden des psychedelischen Blues Rocks, hätten dem Trio aus Iowa ihre Performances Ruhm, Reichtum und jede Menge Baumwollschlüpfer eingebracht. Heute reicht es immerhin für ein paarhundert Zuschauer im damit fast schon prall gefüllten Kesselhaus – dennoch reich oder berühmt werden die Jungs wohl eher nicht mehr, sollten sie ihrer Leidenschaft treu bleiben. Aber sie schaffen vielleicht etwas viel Wichtigeres:  Sie halten den 68er Spirit und den damit verbundenen Glauben hoch, dass echte, leidenschaftliche Rockmusik und deren Interpreten auch im überladenen Youtube-2016 noch eine Daseinsberechtigung haben.

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