Archiv des Autors: dogfoundbone

Billie Holiday – Fine and Mellow (CBS, The Sound of Jazz, 1957)

Die Kameras laufen schon, die Band spielt bereits die ersten Akkorde. Da treten noch zwei Personen der Runde bei. Zum einen wäre da Lester Young, der sich vorne auf einen schlecht ausgeleuchteten Stuhl setzt. Zum anderen Billie Holiday; für sie ist der Barhocker vorgesehen. Als die Saxofone einsetzen und die ihr so wohl bekannte Melodie spielen, muss sie ein bisschen stolz sein, Fine and Mellow hat sie selbst geschrieben. Aber wahrscheinlich weiß sie auch, dass diese Aufzeichnung eine ihrer bedeutendsten sein wird – und eine ihrer letzten.

Eingeladen wurden sie vom Sender CBS. Dieser bringt am 08. Dezember des Jahres 1957 in der Sendung The Sound of Jazz einige der wichtigsten Vertreter dieses Genres live ins amerikanische Fernsehen. Dabei haben die Produzenten ein glückliches Händchen bewiesen. Die Wiedervereinigung von Billie Holiday und Lester Young sollte später als Höhepunkt dieser Session gefeiert werden und gilt bis heute als einzigartiges Beispiel dafür, wie persönlich, fast schon intim, diese sterbende Kunst sein konnte.

Denn so sehr Kritiker diese Aufzeichnung auch feiern mochten; der Jazz hatte für ihn ungünstige Wege eingeschlagen. Während er für die swingenden Big-Bands der 30er vor allem tanzbar und eingängig sein sollte, verbot sich der intellektuellere Be-Bop der 40er Jahre jede Massentauglichkeit durch hektische Läufe und komplexe Rhythmen. Gleichzeitig begeisterte der Rhythm and Blues immer mehr Jugendliche. Und spätestens nach dem Siegeszug des Rock ’n‘ Roll und der Beatles in den 60ern war das 20. Jahrhundert musikalisch gespalten: Alt gegen jung, Rock gegen Jazz.

Dabei haben beide ihren Ursprung in ein und derselben Musik. Und Billie Holiday liebte sie, weil sie ihr Leben war.

 

The blues, to me, is like, being very sad, very sick or in the church, being very happy. There’s two kinds of blues: there’s happy blues, and there’s sad blues. I don’t think I ever sing the same way twice. I don’t think I ever sing the same tempo. One night, it’s a little bit slow, the next night, it’s a little bit brighter. It’s according to how I feel. I don’t know – the blues is sort of a mixed-up thing. You just have to feel it. Anything I do sing, it’s part of my life. -Billie Holiday.

 

Lady Day, so hat Lester Young sie immer genannt, hatte genug prügelnde Liebhaber, auf die der Text von Fine and Mellow zutreffen mag. Aber der ist bewusst allgemein gehalten und ihre Worte gewinnen eine viel tiefere Bedeutung, wenn man weniger darauf achtet, was sie singt, als viel mehr darauf, wie sie es singt – oder eben nicht singt.

Denn eigentlich ist Blues eine unfassbar simple Form des gemeinsamen Spielens von Musik. Die Akkorde und ihre Abfolge sind jedem so vertraut, dass das Singen oder Spielen darüber improvisiert werden kann. Natürlich haben sich über die Jahrzehnte Phrasen herausgebildet. Billie Holiday kannte sie alle. Und da ihre Stimme nicht besonders umfangreich war, hat sie das Spiel mit diesen Phrasen perfektionieren gelernt.

Den erwarteten Ton verzögert sie leicht; oder singt ihn plötzlich etwas zu tief, ein anderes Mal zu hoch. Kaum hat man diese subtile Spannung wahrgenommen, löst Holiday sie schon wieder auf. Dass der Song so unglaublich laid back daherkommt, hat einerseits natürlich mit dem wiegenden Triolenrhythmus zu tun. Andererseits landen ihre Töne aber nie exakt auf der Zählzeit, sondern immer etwas hintenan. Und die anderen Musiker hören Lady Day gern zu, weil Blues wie ein gutes Gespräch sein kann.

Die Themen sind zwar immer die selben. Dennoch hat jeder Mensch ganz eigene Erfahrungen gemacht und trägt, meist spontan, durch seine Worte etwas ganz Persönliches dazu bei. Und wie in einem Gespräch hören sich die Leute gegenseitig zu. Manche sind wütend, weil sie enttäuscht worden sind, sie spielen laut und zerrissen. Andere haben zärtliche Erfahrungen gemacht, deuten aber nur manches davon an, umspielen Melodien, lassen Pausen. Wie Lester Young. Ihm gehört das zweite Solo.

 

Lester got up, and he played the purest blues I have ever heard, and [he and Holiday] were looking at each other, their eyes were sort of interlocked, and she was sort of nodding and half–smiling. It was as if they were both remembering what had been — whatever that was. And in the control room we were all crying. When the show was over, they went their separate ways. -Nat Hentoff, Produzent.

Am 15. März 1959 stirbt Lester Young an den Folgen seines Alkoholkonsums. Seine Freundin folgt ihm wenige Monate später im Alter von 44 Jahren. Im selben Jahr arbeiten John Lennon und Paul McCartney bereits an eigenen Songs, mit denen sie das vollenden werden, was Elvis Presley schon begonnen hatte: den Jazz als das am weitesten verbreitete Musikgenre des 20. Jahrhunderts abzulösen. Nur ein Mann schafft es 1964, mit einer Jazznummer die Nr. 1 der amerikanischen Billboard Charts noch ein Mal von den Beatles zurück zu erobern. Er ist derselbe, der den Jazz 40 Jahre zuvor als ernstzunehmende Kunstform etablierte und den Billie Holiday als einen ihrer wichtigsten Einflüsse nannte. Aber zu ihm mehr in meinem nächsten Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Performances, Rezensionen