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Dämonischer Schwefelaufguss: Beherit – Drawing Down The Moon (Spinefarm Records, 1993)

1993 war ein ertragreiches Jahr für die „Second Wave of Black Metal“, besonders aus norwegischer Sicht. DARKTHRONE, BURZUM, MAYHEM, IMMORTAL, EMPEROR, ENSLAVED, aber auch die Schweden MARDUK und DISSECTION hoben allesamt majestätisch-kalte Klassiker aus dem unheiligen Taufbecken. Doch während die exaltierten Wikinger zusehends ihre Freizeit auf Gerichtsbänken und Titelseiten verbrachten, wurde nebenan im Land der tausend Seen weiterhin zweimal die Woche mit dem Gehörnten sauniert: IMPALED NAZARENE aus Oulu und BEHERIT aus Rovaniemi (beides schon rein geographisch deutlich brutaler als Bergen oder Oslo) zerrten ebenfalls zwei Bastarde der schwarzen Kunst ans Zwielicht. Nicht minder klassisch; dafür betont finnisch: radikal, asozial, böse. Während die Nuclear Sadopunks aus Oulu bis heute konsequent die Kategorien „radikal“ und „asozial“ bedienen, ist das erste offizielle Album von BEHERIT vor allem eines: vitun ilkeää – verdammt evil.

Beherit um 1991 / Pic: flickr.com

Drawing Down The Moon ist ein pechtriefender Brocken satanischer Black Death Metal aus der Schule alter SARCÓFAGO oder BLASPHEMY. Besonders BLASPHEMY lassen grüßen – und BEHERIT grüßen zurück (per Booklet). Der Einfluss der wilden Kanadier ist nicht zu leugnen: Das Album poltert und walzt sich höllisch trocken in die Gehörgänge, der Sound ist weder klirrend kalt noch melancholisch klagend, sondern unzeitgemäß fleischig, bassig, bösartig. Die Gitarren dick und schwarz wie verkohlte Kirchentore, das Schlagzeug ein dumpfer Tribut an den kettenrasselnden Knecht Ruprecht mit der Rute; mal barbarisch prügelnd, mal rumpelnd im schweren Rhythmus beladener Pestkarren.

Satanischer Groove

Im Gegensatz zu Demotagen jedoch triumphiert auf Drawing Down The Moon endlich Eigenständigkeit über Hommage. Die Produktion erscheint im Vergleich zum Vorgänger The Oath of Black Blood geradezu „klar“. Vorbei die Zeiten ungestümer Gewaltorgien und rasender Tobsucht – die Lappländer nehmen den Pferdefuß vom Gas. Die thrashigen Soli verschwinden, die Riffs scheuern sich bis auf ein paar tollwütige Ausnahmen (Down There…, Werewolf Semen and Blood) in schleppendem Midtempo die Knie blutig. Trotz ihrer Ungeschliffenheit vereinen die zwölf Songs dabei auf nuancierte Weise rohe Monotonie und beschwörend-rhythmische Passagen; der abrupte Riffwechsel im Mittelteil von Salomons Gate illustriert das sehr gut. Ja, meist verschmelzen BEHERIT die schwarzen Gift-und-Galle-Brocken gar zu einem morbiden Groove, der geradezu hypnotisierend wirkt (Sadomatic Rites, Nocturnal Evil, Unholy Pagan Fire, Thou Angel of the Gods oder das primitiv-geniale The Gate of Nanna).

Beherit und Impaled Nazarene live beim Day of Darkness Festival in Oulu, August 1991 / Pic: last.fm

Beherit und Impaled Nazarene live beim Day of Darkness Festival in Oulu, August 1991 / Pic: last.fm

Damit nimmt die Band einen Paradigmenwechsel vor. Auf The Oath of Black Blood hatte das Trio noch stark die Death Metal- und Grindcore-lastige Seite oben genannter Bands betont, indem es dem Hörer Bestialität und Hass unverhohlen ins Gesicht spie und durch ungezügelte Brutalität den Abaddon beschwor. Mit Drawing Down The Moon verlagern BEHERIT das Gewicht deutlich auf den Black Metal, stoßen bis zu seinem Wesen vor. Anstatt das Höllentor gewaltsam aufzubrechen, binden sie den Hörer in einem düster-monotonen Sog aus Dämonen und Scheiterhaufen, bis ihn ein stinkender Pfuhl aus Schwärze unweigerlich verschluckt. Es gelingt ihnen, trotz ihres brutalen Soundgewands eine Stimmung zu kreieren, die gefangen nimmt, die fassbar ist. Oh, shine of moon, of the astral gods / It ravishes, it calls us to sin… Das unheilige Ritual, die Essenz von BEHERIT – 1993 wurde sie teuflisch gut eingefangen.

Schwarze Kunst

Die Platte verströmt das Gefühl einer archaischen Kultstätte: Nackte Körper tanzen da in Trance um ein Feuer, satanische Verse lodern auf, es stinkt nach Schwefel allerorten. Erzeugt wird die bedrohliche Atmosphäre vor allem durch zwei Elemente, die Drawing Down The Moon für seine Zeit nahezu avantgardistisch machen: Da ist zum einen die mit Effekten überladene Stimme von Mastermind „Nuclear Holocausto Vengeance“ (preiswürdiges Pseudonym übrigens), die klingt, als hätte man das Predator-Monster und den Balrog von Morgoth gemeinsam für Session-Vocals engagiert. Voicechanging ist im Black Metal anno ’93 nicht gerade en vogue – von der vordergründigen Position im Mix ganz zu Schweigen. Doch der mutige SARCÓFAGO-Tribut bekommt dem Album. Selten hat man sich bei Black Metal im positiven Sinne so mies gefühlt wie im boshaften Black Arts.

Nuclear Holocausto Vengeance / Pic: deathmetal.org

Zum anderen der gezielte Einsatz von spacigen Ambient-Elementen, die der Scheibe einen mystischen Schauer verleihen (Lord of Shadows and Goldenwood). Auch die beiden Synthesizerstücke Nuclear Girl und Summerlands wirken in ihrer Ruhe nicht deplatziert, im Gegenteil: Wenn in Summerlands vor tropischen Soundscapes eine Stimme verstörend von Tod und Abschied flüstert, dann trägt das sehr zur beklemmenden Atmosphäre der Scheibe bei. BEHERIT setzen hier das Scharnier zu ihrem späteren Sound, der in den weiteren 90ern zu rein elektronischen, dem Metal völlig entfremdeten Dark Ambient Alben führen sollte und gerade 2012 mit der EP Celebrate The Dead wieder in ein hypnotisierendes Black Metal-Delirium zurück gefunden hat.

Es mag Zeit und Aufmerksamkeit kosten – Fakt bleibt: Drawing Down The Moon gehört zum Schwärzesten, Obskursten, Hässlichsten und Interessantesten, das der frühneunziger Black Metal hervorgebracht hat. Allen, denen BEHERIT bislang nur durch ihr 2009er Comeback Engram bekannt waren oder die noch immer glauben, spätestens mit A Blaze In The Northern Sky sei doch in Sachen „necrogrim“ ohnehin der Drops gelutscht gewesen, sei dringend empfohlen, ein Ohr zu riskieren. Abstoßend? Sicher. – Übertrieben? Absolut. – Authentisch? Aber zu 666 Prozent! Black Metal-Pflichtprogramm. Best enjoyed on cold winter nights of full moon.

mehr Informationen: Homepage; Encyclopaedia Metallum; Last.fm; Temple ov Beherit (Fanpage mit tonnenweise Material aus den alten Tagen); Spinefarm Records

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Totalitäre Kunst: Laibach @ Batschkapp Frankfurt/M., 11.09.2012

Pic: Ruska

We are no ordinary type of group / We are no humble pop musicians / We don’t seduce with melodies / And we’re not here to please you / We have no answers to your questions / Yet we can question your demands / We don’t intend to save your souls / Suspense is our device (Laibach, WAT, 2003)

LAIBACH ist Sloweniens größter kultureller Export. Eine der ersten und bedeutendsten Martial Industrial Bands, wichtige Inspiration für Gruppen wie RAMMSTEIN oder NINE INCH NAILS; wegweisend und innovativ bis heute. Musikalisch kennen sie keine Berührungsängste. Sie haben in über dreißig Jahren Bandgeschichte fast das komplette Spektrum moderner wie klassischer Musik in ihren Sound integriert, mal gemeinsam mit einem Orchester Wagner mit Jazz und Electro verbunden oder für die Death Metal Ikone MORBID ANGEL das Remixing beaufsichtigt. 2012 nun der Soundtrack zur Nazi-Satire „Iron Sky“, bei dem wieder fleißig aus Wagner zitiert wird.

Dabei verlangen LAIBACH wie kaum eine andere so erfolgreiche Band unserer Zeit eine intensive Werkinterpretation, ästhetisches und geschichts-politisches Bewusstsein. Es wurde viel über sie geschrieben, Kunst- und Kulturtheoretiker, Soziologen und Philosophen aus aller Welt arbeiten sich an ihrer Kunst ab. Seit der Gründung im slowenischen Trbovlje 1980 erschaffen LAIBACH ein provokatives Gesamtkunstwerk aus Musik, Malerei, Grafik, Film, Aktionskunst und sind der musikalische Arm des 1984 von ihnen mitbegründeten Künstlerkollektivs NSK (Neue Slowenische Kunst), das 1992 durch den utopischen NSK-Staat ersetzt wurde.
Man könnte denken, ohne eine ausreichende Beschäftigung mit den politisch-ideologischen und industriellen Verhältnissen im post-titoistischen Jugoslawien der 80er Jahre sei ein absolutes Verständnis der künstlerischen Intention von LAIBACH und NSK im Grunde kaum zu erreichen; und vielleicht ist das so. Dennoch ist LAIBACH intuitiv erfahrbar. Besonders dann, wenn sie ihre Musik live inszenieren.

Retrogardistische Provokation

We come in peace: LAIBACH Occupy Frankfurt / Pic: Ruska

Ein LAIBACH Konzert ist keine normale Musikveranstaltung. Ihre Show ist mitreißend, bewegend und gleichzeitig so martialisch-steif und durchorganisiert wie eine totalitäre Massenkundgebung – ein Gesamtkunstwerk. Dazu gehört auch das Publikum. Da stehen bepatchte Black Metal-Lederjacken neben RAMMSTEIN-Jüngern, bebrillte Normalos mit Filialleitergesicht neben Darkwavern, Industrial-Fans und der Oldschool EBM-Sektion Frankfurt. Einige haben sich besonders in Schale geworfen: Man trägt militärische Parteiuniform im Nürnberg-Stil, Hemd, Krawatte, Koppel, hier und da sieht man Armeeschiffchen auf den Köpfen; die Frisuren gereichen meist einem Reinhard Heydrich zur Ehre. Das ist der LAIBACH-Faktor. Das ist die Avantgarde, oder, um es mit LAIBACH zu sagen, die Retro-Avant-Garde.
Retrogardistisch ist auch das Merchandiseprogramm. Tonträger nehmen nur eine kleine Rolle ein, viel wichtiger die Propaganda-Artikel: Shirts mit den LAIBACH Symbolen, schwarzen Kreuzen, Jungvolk-Trommlern – „Die erste Bombardierung! Laibach über dem Deutschland!“ Dazu breit gefächert Accessoires für jedermann: weiße Armbinden mit dem schwarzen Kreuz der NSK, Krawatten, die passenden Nadeln dazu, schwere Ledergürtel mit LAIBACH-Koppelschlössern, Mützen mit den Slogans „Arbeit macht frei“ oder „Arbeit macht nicht frei“, „Antisemitism“-Kondome; außerdem „LAIBACH organic soap“ mit der Aufschrift „Schwitz aus!“ – mehr Provokation geht definitiv nicht.

Und ich habe auch nichts gegen Provokation. Ich bilde mir sogar ein, LAIBACHs Art von Provokation einigermaßen zu verstehen – und ich mag sie. Doch genau das lässt mir zumindest Teile der Devotionalien suspekt erscheinen. Gerade bei einer Band, die offensichtlich auf einem soliden intentionalen Fundament ruht, was ihre Kunst angeht, ist mir die Stoßrichtung plumper Nazi-Phrasen auf Cappies nicht ganz klar. Es bleibt dabei, dass solche Artikel, losgelöst von ihren sinnstiftenden künstlerischen Bezugsrahmen, versagen müssen; was sie leider schnell der Geldmacherei verdächtig macht, wofür wiederum die saftigen Preise sprechen mögen: denn 25 € für ein T-Shirt, 15 € für ein Stück Seife oder 10 € für ein stinknormales Tourposter gehen mir dann doch zu weit. Einziges Manko des Abends. Dennoch fügt sich selbst die Registrierkasse ins Gesamtkunstwerk ein: vorne prangt gut sichtbar ein weiß-ovaler Länderkennzeichenaufkleber des NSK-Staates. LAIBACH, der Fiskus.

Monumental Retro-Avant-Garde / Pic: Ruska

„Meinen die das ernst, oder ist das Ironie?!“ – das ist sicher die häufigste Reaktion auf LAIBACH, gerade von westlicher Seite. Doch die Frage geht völlig am Werk der Slowenen vorbei. Mit für und wider kann man ihre Kunst nicht fassen, muss man sie zwangsläufig missverstehen. Ihr Konzept ist keine Parodie, keine Kritik; aus der Sloterdijkschen Einsicht heraus, dass im spätkapitalistischen Zeitalter ohnehin jeder ideologische Diskurs an Zynismus kranken muss. Stattdessen bietet LAIBACH Doppeldeutigkeit und Irritation, ihr Stilmittel ist eine subversive Überidentifikation mit totalitären Systemen. „All art is subject to political manipulation (indirectly – consciousness; directly), except for that which speaks the language of this same manipulation.“ (LAIBACH, 1982)

Sie fingen an, indem sie totalitärer auftraten als der jugoslawische Staat selbst. Allein der Bandname, der deutsche Name für die slowenische Hauptstadt Ljubljana, war eine kalkulierte politische Provokation. Ihre Ästhetik faschistoid, ihre Auftritte martialisch, ihre Interviews entpersonalisierte, komponierte, ideologische Manifeste. LAIBACH entwickelten sich entlang der Geschichte, veränderten sich vor allem musikalisch – verarbeiteten Pop, Rock, Post-Punk, Metal, Techno, Ambient – doch das ideelle Fundament blieb zementiert bis heute: „Kunst ist politisch.“ LAIBACH ist weder Osten noch Westen, es ist der Spiegel dazwischen. Nicht umsonst wurde das NSK-Kollektiv zum globalen Utopie-Staat (der übrigens ein paar Botschaften unterhält, sowie eigene Ausweise druckt): Der NSK-Staat ist die unabhängige künstlerische Kraft jenseits territorialer Grenzen und Systeme, die diese nicht kritisiert, sondern sie adaptiert, konserviert und in Beziehung setzt, neue Wege offenbart. LAIBACH projizieren historische Traumata und deren Aktualität gezielt in die Köpfe; Totalitarismus, Gesellschaft, Religion, Krieg, Ideologie, Philosophie, Industrie, Führerkult und nationale Identität sind ihre Hauptthemen, die sie oft verstörend und doppeldeutig inszenieren. So auch in Frankfurt.

We Come In Peace…

Kunst ist politisch: LAIBACH live (Alle gegen Alle) / Pic: Ruska

Die zwei Projektoren, mit denen die Band ihre Musik schon seit langem visuell unterstützt, werfen bereits das Tourplakat auf die Leinwand: WE COME IN PEACE. LAIBACHs September-Tour läuft weiterhin unter dem Motto des Nazi-Trash-Streifens Iron Sky, für den sie den kompletten Soundtrack geschrieben und bereits im Frühjahr intensiv präsentiert haben. Dennoch soll der Set ein Querschnitt durch ihr Werk sein; nicht zuletzt, weil gerade mit Reproduction Prohibited: An Introduction to… LAIBACH ihr erstes „Best-of“ erschienen ist, das vor allem das bekannteste Trademark der Slowenen illustriert: ihre einzigartige Begabung, Klassiker des Rock/Pop und Beat-Mainstreams in völlig neue Sound- und Bedeutungsgewänder zu kleiden.

Nach einem kurzen Wagner-Intro geht es los mit dem „Iron Sky-Part“ des Sets. Die Bühne ist in ein passend blau-stählernes Licht getaucht. Auch wenn nur zwei der vier Songs auf dem Soundtrack vertreten sind, so bilden sie dennoch eine Einheit. Der perfekte Opener B-Mashina und das EUROPE-Cover Final Countdown bilden den dramatisch-heroischen Auftakt, stimmungsvoll unterlegt mit den nicht weniger dramatischen Szenen der Space-Götterdämmerung aus dem Film. Danach führen das melancholisch-traurige und doppeldeutige America (Gänsehaut!) vom hervorragenden 2006er Album Volk und das wiederum auf dem Soundtrack vertretene, Chanson-artige Take me to Heaven in ruhige, verträumte Gefilde. Hier kann zum ersten mal Sängerin und Synthesizerin Mina Špiler zeigen, wie wichtig sie für das LAIBACH-Feeling anno 2012 ist. Ohne ihre überwältigend schöne und vielseitige Stimme als Kontrast zum düsteren Sprechgesang von Milan Fras, der sich hier auch mitunter mal ganz zurückziehen darf, aber auch ohne ihre anmutig-strenge Erscheinung wäre die Atmosphäre nicht mehr denkbar. Auch hier untermalen Iron Sky-Szenen die Performance, langsamer, thematisch näher an die emotionale Stimmung gerückt; Umarmungen, Zwietracht, Küsse, Tränen.

…and Darkness

Damit endet dieser Block; es wird düster, musikalisch wie visuell. Ein Interlude aus psychotisch disharmonischen Keyboardläufen, Schreien und Lasergewitter markiert den Bruch; mit Smrt za smrt, Brat moj und Ti, ki izzivaš greifen LAIBACH weit zurück in ihre Anfänge. Die dunkel beschwörende Stimme von Sänger Milan wird getragen von bedrohlichen Keyboardmelodien und einem stampfenden Industrial-beat mit hämmernden und kreischenden Samples; die Bühnenbeleuchtung ist düster, Milans Gesicht angestrahlt – verstörende Pianorolls und -akkorde, Angstschreie. Smrt za smrt könnte auch der Soundtrack zu einem Horrorstreifen sein. Die Leinwand ist nun erfüllt mit dunkler Symbolik, Maschinenrädern, alten, schwarz-weißen Fotografien; Textzeilen laufen auf Deutsch und Englisch durch das Bild. Die Lieder handeln von Tod und Wagnis. Beim sphärisch dahinziehenden und mit blubbernden Bässen und Hammerschlägen angereicherten Brat moj sieht man in warmen Rottönen eine Frau bei der langsamen Fellatio. „Do you feel the courage raised by night… Schreite mit uns zum neuen Lichte empor“. LAIBACH ist auch Erotik. Denn auch Erotik ist Verführung und Selbstbehauptung.

Es bleibt altehrwürdig, mit zwei absoluten Industrial-Klassikern aus den Anfangstagen. Die Liebe vom Nova Akropola-Album und Leben – Tod vom ’87er Meilenstein Opus Dei, in ihren Originalversionen schonungslos monotone Maschinen-Stampfer, über deren Hammerschlägen die tief gesprochenen deutschen Schlagsätze von Frontmann Milan kreisen, verlieren zwar 2012 live durch die sphärisch eingängigeren Synthesizerklänge, Elektro-Beats und die Gesangsparts von Mina etwas von ihrer unbändigen, fast anarchischen Urkraft. Dafür sind sie umso druckvoller und werden von Instrumenten und Lichtshow auf fulminante Höhepunkte geführt. Sehr geil. Beide Songs sind im Übrigen ein perfektes Beispiel für LAIBACHs Gefühl dafür, eine marschierende Einheit zu schaffen aus Industrie-Monotonie und schiebendem Groove, wobei durch die Texte eine zusätzliche Entfremdung stattfindet. Die Stimmung pendelt in ständiger Unsicherheit – doch das macht es so interessant.

Reproduction Prohibited

Mit dem BOB DYLAN-Cover See That My Grave Is Kept Clean wird nun endgültig der zweite Teil des Konzerts eingeläutet, die Lieder werden eingängiger. Und bekannter. Die Cover häufen sich. Der Rest des Sets ist eine Führung durch die geniale Änderungsschneiderei der Band. LAIBACH verstehen es meisterhaft, Tunes großer Bands zu nehmen und sie – ohne willkürliche textliche Änderungen – musikalisch und in ihrer Bedeutung völlig neu zu definieren. Sie verpassen ihnen martialischen Elektro-Sound sowie die unverwechselbare Intonation und stellen sie so, gleichzeitig Tribut wie Eigenkomposition, in den Dienst der LAIBACH-Kunst.
Dabei sind gleich zwei Songs im Set neu und erstmals auf dem Anfang September erschienenen Best-of zu finden: BOB DYLAN’s Ballad of a Thin Man sowie das THE NORMAL-Cover Warm Leatherette, von LAIBACH typisch irritierend eingedeutscht zu Warme Lederhaut. Der Song behandelt wiederum Sex, visualisiert durch Szenen nackter Hautpartien. Ballad of a Thin Man stellt einen zwischenzeitlichen Höhepunkt des Auftritts dar. Der Song ist live noch beklemmend-schöner als auf CD und wird unterstützt durch an die Wand geworfene, zerlaufende Textteile, die ein verlorenes Gefühl erzeugen. Epic.

Danach ist bei Mina Špiler’s Solo im wunderschönen BEATLES-Cover Across the Universe vom Let it Be-Album wieder Zeit zum Runterkommen und Relaxen, bevor es mit Tanz mit Laibach nochmal so richtig auf die zwölf gibt. Der martialische EBM-Techno Smasher vom Album WAT lässt dann auch keinen mehr unbewegt – zum ersten Mal springt auch physisch der Funken voll aufs Publikum über. Das Video zum Lied, über die Projektoren abgespielt, ist visuelles Aufputschmittel par excellence, Sänger Milan schmettert über den hämmernden Beat die Textzeilen: Mit Totalitarismus / Und mit Demokratie / Wir tanzen mit Faschismus / Und roter Anarchie / Eins, zwei, drei, vier / Deutsches Volk komm tanz mit mir! Der Song ist ein tolles Beispiel für den doppeldeutigen Massenverführungseffekt, mit dem LAIBACH so gerne spielt. Dennoch finde ich, dass die komplett elektronische Version des Liedes, bedingt durch das aktuelle Line-Up, nicht die Wirkung erzielt, die es noch beispielsweise 2004 in der klassischeren Rock-Besetzung mit Gitarre und Bass sowie den effektvollen Trommlerinnen erreichen konnte. Die sphärischen Synthesizer hier und da können den Unterschied leider nicht ganz ausgleichen; das Stück büßt zuviel von seiner harten Note ein.
Das D.A.F.-Cover Alle gegen Alle macht politisch weiter. Der Track wummert und groovt über einem rockigen Beat unaufhörlich vorwärts, die ambivalenten Lyrics kommen fast bedrohlich rüber. Auf der Leinwand im Hintergrund hebt sich zum Takt immerfort ein rechter Arm, ein Junge schlägt auf eine Trommel. Die Stimmung ist theatralisch, Spannung liegt in der Luft. Starke Performance!

LAIBACH fordern, das Volk gehorcht: Tanz mit Laibach! / Pic: Ruska

Nach Du bist unser, Warme Lederhaut und dem SERGE GAINSBOURG-Cover Love on the Beat verlassen LAIBACH die Bühne. Jedoch nur, um kurz darauf mit zwei der größten Hits ihrer Karriere zurückzukehren, die auch gleichzeitig Paradebeispiele sind für die Kunst der Band, Mainstream-Klassiker in totalitär verführerische Heroenstücke umzudeuten. Aus dem Bierzelt-Hit Live is Life von OPUS wird Leben heißt Leben, aus der Stadion-Rock-Hymne One Vision von QUEEN wird Geburt einer Nation. Beide Stücke erschienen 1987 auf dem wegweisenden Opus Dei. Besonders Geburt einer Nation ist ein Prototyp subversiver Umdeutung. Mit Freddie Mercury’s Worten erzeugen LAIBACH lediglich durch eine Übertragung des Textes ins Deutsche und wenige subtile Vokabelauslegungen ein nationalistisches, faschistoides Gefühl.
Dabei beschwören die Slowenen nicht nur durch die harte deutsche Phonetik absichtlich historische Schauer herauf, sondern setzen sich auch intensiv mit dem Zusammenhang von Totalitarismus, Verführung und Starkult auseinander; der Beziehung von Hype, Charisma und Massenhysterie, welche sich gerade in einer Band wie QUEEN hervorragend manifestiert, wo ein Freddie Mercury in riesigen Arenen die Massen dirigierte. „The Star system has its own rational foundation: in the fascist form of totalitarianism it helped the people to transcend their immediate traumatic existence by identification with the leader. The Hollywood principle awakens belief and recognition that there is a world in which the fulfilment of dreams is reality.“ (LAIBACH, 1986-1990)

Beide Songs erfahren musikalisch die typische LAIBACH-Kur: aus positiven Feelgood-Schlagern werden martialisch-heroische Hymnen mit starrem Gestus. Viel Fanfare, viel Marsch. Im Sinne des Gesamtkunstwerks LAIBACH haben diese das Gefühl in beiden Liedern auch optisch umgesetzt. Die Videos zu Life is Life und Geburt einer Nation sind völlig geile Manifeste bierernsten Humors oder humorloser Komik. Es ruft im ersten Moment ein Grinsen hervor, wenn man die Band in Life is Life in völkischer Tracht mit granitharten Mienen und Frisuren über alpine Gipfel stapfen sieht. Doch je länger das Video dauert, desto mehr verwandelt sich Belustigung in Irritation und man findet sich plötzlich selbst fasziniert von der martialischen Ästhetik. (Wenn man die Videos kennt, versteht man auch schnell, woher RAMMSTEIN die Idee zu ihrem Stripped-Cover nahmen.)
Die Intensität dieses Effektes kann die live-Performance allerdings nicht erreichen. Dafür fehlt LAIBACH 2012 ein wenig der totalitäre Habitus. Dennoch findet man sich wohlig verunsichert, sobald das Keyboard-Intro von Geburt einer Nation abgeklungen ist, der Song in einen militanten Stampfer übergeht und Milan die Stimme erhebt: „Ein Mensch! Ein Ziel! Eine Weisung!“ – eine klasse Zugabe.

Totalitäre Einheit

„Gebt mir ein Leitbild!“: Sänger Milan Fras / Pic: Ruska

Nach einer zweiten Draufgabe mit dem ursprünglich Metal-lastigen, heute jedoch in eine metallisch pumpende EBM-Nummer verwandelten JUNO REACTOR-Cover God is God und dem passenden Schlusstitel Das Spiel ist aus ist das Spektakel dann auch wirklich vorbei. Nach über 2 Stunden Spielzeit treten LAIBACH endgültig ab.
Seit jeher und ungeachtet aller Personalwechsel besteht die Besetzung, so liest man es in allen Booklets und Interviews der Band, aus Eber, Saliger, Dachauer und Keller. LAIBACH ist ein Kollektiv. Das ist wesentlich, das ist Kunstprogramm. Der Einzelne tritt zurück und macht Platz für die totale Kunst. Außer durch die Stücke selbst und ihre Inszenierung findet keine verbale Kommunikation mit dem Publikum statt. Keine Ansagen, keine Dankesreden; nur ein perfekt einstudierter Bewegungsablauf, wie auf einem Reichsparteitag. Nach dem Hauptset klatscht Sänger Milan Fras dem Publikum respektvoll zu, verbeugt sich kurz und würdig, faltet die Hände, hebt sie demütig an seine Stirn, verweist mit den Armen auf seine Mitmusiker und verlässt die Bühne. Keyboarderin Mina blickt dabei starr geradeaus, dreht sich dann mit einer zackigen Bewegung um und geht Fras hinterher. Die anderen folgen. Das Spiel wiederholt sich noch einmal zur zweiten Zugabe. LAIBACH ist totalitäre Kunst. Sie bemächtigen sich aller musikalischen Bereiche, zersetzen sie, nehmen sie auf in ihr Kollektiv. Starke Individuen für ein starkes Ganzes. Das ist fanatisch, das ist faszinierend. Und man möchte ihnen Glück wünschen für ihre weitere Mission als Herold und Werber für das ultimative Kollektiv: Den NSK-Weltstaat.

LAIBACH Setlist Frankfurt, Batschkapp, 11.09.2012

1. B-Mashina (Siddharta Cover)
2. Final Countdown (Europe Cover)
3. America (basierend auf der US-Hymne The Star-Spangled Banner)
4. Take me to Heaven
5. Smrt za smrt
6. Brat moj
7. Ti, ki izzivaš
8. Die Liebe
9. Leben – Tod
10. See That My Grave Is Kept Clean (Blind Lemon Jefferson/Bob Dylan Cover)
11. Ballad of a Thin Man (Bob Dylan Cover)
12. Across the Universe (The Beatles Cover)
13. Tanz mit Laibach
14. Alle gegen Alle (D.A.F. Cover)
15. Du bist unser
16. Warme Lederhaut (The Normal Cover)
17. Love on the Beat (Serge Gainsbourg Cover)

18. Leben heißt Leben (Opus Cover)
19. Geburt einer Nation (Queen Cover)

20. God is God (Juno Reactor Cover)
21. Das Spiel ist aus

Links:

LAIBACH-Homepage mit umfangreichen Infos zu Werk, Kunst, Intention, Programm, Interviews, Reviews, etc.
insbesondere interessant: Manifests (mit deutlichen programmatischen Äußerungen von der Band selbst); Interviews / Oracle (mit Ausschnitten aus vergangenen Interviews und kurzen Statements zu kurzen Fragen – sehr lesenswert!); Essays (mit erstklassigen Reflexionen unabhängiger Autoren zur LAIBACH Kunst)
Victory under the sun (1988) – sehr gute und detaillierte LAIBACH-Dokumentation
What the hell is LAIBACH all about? – kurzer Erklärungsversuch vom slowenischen Philosophen Slavoj Žižek
Reproduction Prohibited Review – schönes Review zum aktuellen LAIBACH-Best-of auf African Paper

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Ein paar Gedanken zu Bieber, Schiller und Artisten an sich

Damit eins klar ist: Ich rege mich hier nicht auf. Das würde ja bedeuten, dass mich der 1:10-minütige Trail of Tears durch die Forbes-Geisterbahn der zehn bestverdienenden Prominenten, den ich gerade – warum auch immer – hinter mich gebracht habe, in irgendeiner Weise emotional aufgeladen hätte. Gott bewahre. Mir sind die grotesk geschminkten Horrorclowns des Medienzirkus persönlich so egal wie der neue Ford Mondeo. Oder Bettwanzen im Vatikan. Aber ein bisschen nachgedacht habe ich schon, das stimmt. Nur halt nicht so viel… Ich hatte leider nur wenig Zeit dazu. Denn ich habe diesen Informationsbeitrag eben beim Frühstück angeschaut. Müsli mit ganzen Nüssen und Rosinen. Und dann dauert es immer nur 6-8 Minuten bis ich aufs Klo muss. True story. Danach reißt einfach jeglicher Gedankenfaden unweigerlich ab! Egal ob Stein der Weisen oder Sinn des Lebens – auf dem Klo gibt’s nur „Fröhliches Gevögel“ oder die Hitler-Biographie. Aus. Tja und jetzt steht mir der Sinn halt eher nach Masturbieren und NS-Schergen als noch einen Gedanken mehr auf den Nippes von eben zu verwenden. Daher bleibt es bei den spontanen Assoziationen und ein, zwei Zitaten, die mir so einmal durch den Kopf und auch schnell wieder raus gegangen sind, als ich Justin Biebergeil und seine geilen Bieberschwestern an den Fäden des Schicksals habe zappeln sehen. Aber sei’s drum. Inspiration ist halt was anderes. Sowas wie…

Friedrich Schiller zum Beispiel! Der hat Sachen gesagt. Das glaubt man nicht. Hier: „Es ist nicht wahr, was man gewöhnlich behaupten hört, daß das Publikum die Kunst herabzieht; der Künstler zieht das Publikum herab, und zu allen Zeiten, wo die Kunst verfiel, ist sie durch die Künstler gefallen. Das Publikum braucht nichts als Empfänglichkeit, und diese besitzt es. Es tritt vor den Vorhang mit einem unbestimmten Verlangen, mit einem vielseitigen Vermögen. Zu dem Höchsten bringt es eine Fähigkeit mit; es erfreut sich an dem Verständigen und Rechten, und wenn es damit angefangen hat, sich mit dem Schlechten zu begnügen, so wird es zuverlässig damit aufhören, das Vortreffliche zu fordern, wenn man es ihm erst gegeben hat.“ (Die Braut von Messina, Kap. 2)

Stark. Aber gut, Schiller… was is das? 18. Jahrhundert. Da gab’s ja auch noch Kaiser und Hexenverbrennungen. Oder Länder wie „Sachsen-Weimar“. Aber nicht mal ne Cola oder Adidas! Richtig Profi. Also wie? „zu allen Zeiten, wo die Kunst verfiel, ist sie durch die Künstler gefallen“. Mhm. Gut, im Mittelalter waren die Leute ja nicht nur kleiner, sondern hatten wohl auch noch ein einfacheres Bild von einem Künstler. Der hat standardmäßig irgendwie gemeißelt, gemalt, gespielt oder Rhymes gedroppt und dabei meistens dann noch wahlweise was erfunden, politisch gestaltet oder berühmte Lesezirkel gehostet, bzw. mit Tee versorgt. Oder beides. Heute liegt der Lesezirkel beim Urologen aus, alles ist schon erfunden und man wird maximal noch als Unescounicefwhatsoev-Botschafter für Trivialität und Kinder in Talkshows eingeladen. Was will der Künstler da auch machen? Ungereimte Briefe an Israel schreiben?
Was der Fritz mit seinen damaligen Sanitärverhältnissen und direkten Nachbarstaaten wie Hessen-Kassel oder Schwarzburg-Sondershausen nicht wissen konnte, ist ja, dass wir heute in einer unheimlich dynamischen und globalisierten Welt leben. Denglish ist völlig selbstverständlich. Und das heißt nicht nur Eventmanagement und Outsourcing, sondern eben auch Kindergarten und Blitzkrieg! Und dementsprechend sagt man heute auch nicht mehr Künstler, sondern artist. Dabei ist natürlich klar, dass artist hier nicht von lat. ars=die Kunst kommen kann. Denn Latein spricht ja heute keiner mehr. Die Römer sind alle längst wieder in Rom und Italien glänzt heute mehr durch solide Staatsfinanzen als durch imperiale Legionen. Nein, das englische artist kommt natürlich wiederum vom deutschen Artist! Was wiederum der Sprache des Wanderzirkus entlehnt ist und da soviel heißt wie Schlangenmensch, Jahrmarktzauberer, Rummelboxer, Hütchenspieler! Die Konnotation ist völlig eindeutig. Mehr noch als in Schillers wilden, Schweinfurter Grün-inspirierten Fieberphantasien von irgendwelchen Publikums-verführenden, vom Kunsthimmel gefallenen Erzengeln liegt heute das Gewicht auf dem Genie, auf dem genius qua natura, das durch göttliche Gunst in den Artisten fuhr, unerlernbar, unerreichbar, unfehlbar, uns zu beglücken. Der Star ist der Gott unserer gottlosen Zeit. Die Glotze ist sein Tempel. Dieter Bohlen sein Prophet. Und Friedrich Schiller reif für die Autodafé, verdammt nochmal!

Oder Achtung, auch völlig irre: „Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohltätige Gottheit reiße den Säugling bei Zeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn mit der Milch eines bessern Alters und lasse ihn unter fernem griechischen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre er, eine fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück; aber nicht, um es mit seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen. Den Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form von einer edleren Zeit, da jenseits aller Zeit, von der absoluten unwandelbaren Einheit seines Wesens entlehnen.“ (Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 9. Brief)

Krasser Typ, oder? Soll ja auch viel an verschimmelten Äpfeln geschnüffelt haben. Junge, Junge. Also ich fasse zusammen: Zeitreisen sind für Schiller nicht nur möglich, sondern sogar moralische Verpflichtung. Griechenland ist der perfekte Ort um aufzuwachsen und ein mündiger Bürger zu werden. Agamemnons Sohn war als Reinigungskraft angestellt. Schneider- und Bäckerhandwerk gedeihen am besten unabhängig voneinander und auch am besten zu verschiedenen Zeitepochen, wobei der Bäcker dabei das jenseitige Ideal darstellt, also am besten tot wäre. Irgendwelche „Wesen“ werden auch noch genannt, von denen sich der Bäcker Förmchen „entlehnen“ könnte, doch das soll hier der Einfachheit halber besonders verschimmelten Apfelgrutzen zugeschoben werden. (Irgendwo hörts ja auch auf.)
Zugegeben: wo mein Pritt-Stift gerade so offen hier steht, muss ich sagen, ist es ganz lustig, sich vorzustellen, wie Justin Bieber von irgendeiner „wohltätigen Gottheit“ (vielleicht einer Borreliose-Zecke?) von dieser Zeit gelöst und Kojaks Mama an die Brust gelegt wird um ihn zu säugen. Das würde schonmal das Haar-Problem lösen. Anschließend bringt ihn Hermes, der Götterbote vom Hermes-Versand, dann ins Griechenland von 2012, damit er sich dort von einem gewaltbereiten, zornigen Mob perspektivloser Jugendlicher als zwifaches Symbol von Kapitalismus und Verrat (immerhin ist sein Milchbruder Telly Savalas ja griechischer Abstammung) durch die Dörfer treiben lassen kann, bis er 35 geworden ist. In der heutigen Zeit kann man da einfach mehr „Mann werden“ als früher. Danach hätte er tatsächlich „eine fremde Gestalt“. Vermutlich würde er Samuel Koch in der Reha begegnen und beide würden bei „Menschen 2012“ von ihren Wünschen und Träumen berichten und wirklich ein paar Muttis zu echten Tränen rühren und einen Phóbos-Éleos-Kátharsis-Effekt erzielen. Eine echte Tragödie. Eine „Reinigung“.  Ich stelle den Kleber mal weg.

Tja, was bleibt? Die Tatsache, dass unter den zehn größten Mammon-Mumien der Welt gleich sieben Sängerinnen (sic!) die vordersten Grabstätten belegen sowie ein völlig unzeitgemäßer, verwirrter Dichter-Philosoph, der keinen Plan hat was ein Werbevertrag ist, oder wieviel „Taler“ so ein einzelner Mensch in seinem umbrella-ella-ella-ella wohl rumtragen kann. Wenn er selbst mehr zu essen gehabt hätte als Kornähren, Pilze und nicht ganz so vergorene Äpfel und vielleicht einen Majordeal anstatt bloß immer die Almosen literaturgeiler Adels-Snobs mit Profilneurose, dann hätte er vielleicht schönere Worte gefunden für die Artisten unserer Zeit; und sie beglückwünscht zu solch wunderbarer Musik des Geldes.

FAZ, 14.07.2012: Forbes-Liste. Die zehn bestverdienenden Stars

„zu allen Zeiten, wo die Kunst verfiel, ist sie durch die Künstler gefallen.“
Roch gern an Vergorenem: Philosoph und Überlebens-Künstler Friedrich Schiller

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Böhmens Wälder sind lieblich, schwarz und tief: Master’s Hammer – The Jilemnice Occultist (Osmose Prod., 1992)

© Osmose Productions / Pic: wikimedia

Ach, já ubožák, tím širým bloudím světem – Oh, ich bin erbärmlich, ich bewandere die offene Welt… so beginnt der letzte Vers von „The Jilemnice Occultist“ der Tschechen MASTER’S HAMMER. Das Nachfolgealbum zum Debut „Ritual“ (1991), laut Fenriz (DARKTHRONE) übrigens musikalisch „actually the first norwegian (sic!) black metal album“, ist in so vielerlei Hinsicht außergewöhnlich, dass es zugegeben schwer fällt, einen Einstieg in eine Rezension zu finden, die diesem Kleinod des Black Metals auch nur im Ansatz gerecht werden könnte. But anyway – vorweg erstmal eine Geschichte:

Riesengebirge, anno 1913. Den jungen Prager Studenten Atrament führt es in das Dorf Jilemnice, Teil eines kleinen Konglomerats von Städtchen, die zu dieser Zeit von der Faszination für okkulte Praktiken ergriffen und gebannt sind. Die Dorfgemeinde trifft sich allabendlich zu Séancen im örtlichen Gasthaus „Zum Spiritus“, wo sich – aller gesellschaftlichen Unterschiede zum Trotz – das Volk den geheimnisvollen und dunklen Phänomenen hingibt. Atrament, selbst von einer gewissen Faszination für das Okkulte beseelt, doch dabei im Gegensatz zur recht einfältigen Landbevölkerung gewitzt und von sprühendem Geiste, quartiert sich dort ein und lernt die Tochter des Eigentümers, Kalamaría, kennen. Sie sind voneinander fasziniert und verbringen ihren ersten gemeinsamen Abend im Zeichen der verborgenen Künste. Doch Unfrieden droht dem Landstrich, als Herzog Clement Bombastus von Satrapold zum neuen Kommandanten der Ordnungskräfte ernannt wird. Er will nun mit eisernem Besen dem Okkultismus zu Leibe rücken, der das Land ökonomisch zu verheeren droht…

Séance-Szene aus Fritz Langs Stummfilm

Séance-Szene aus Fritz Langs Stummfilm „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922) / Pic: gettyimages

Und damit sind wir schon beim vielleicht Ungewöhnlichsten an „The Jilemnice Occultist“ (tschech. Originaltitel: „Jilemnický Okultista“). Denn es handelt sich hierbei um nichts weniger als eine waschechte Operette. Das bedeutet, hier gibt es Dramatis Personae, hier gibt es ein vollständig ausgearbeitetes Libretto, hier wird in Dialogen und Monologen in drei Akten eine kleine, phantastische und dunkle Geschichte erzählt. Über elf Songs und insgesamt 51 Minuten Spielzeit erstreckt sich das Abenteuer um den jungen Okkultisten Atrament, die schöne Kalamaría, den bösen Satrapold und noch ein paar kleinere zwielichtige Charaktere. Neugier, Liebe, Zweifel, Habgier, Witz, Gefallsucht und Depression, ja sogar ein tragischer Selbstmord werden verarbeitet, bis zum Schluss alle die Gläser erheben und der feierliche Ruf ertönt: „Sláva, sláva, sláva, pane hejtmane!“ – Ruhm und Ehre, Herr Hauptmann!

Böhmische Dörfer

Doch genau diese eigentümliche Komplexität ist es wohl auch, die das Album insgesamt etwas sperriger als noch seinen Vorgänger erscheinen lässt. Wo damals allein in Tschechien von „Ritual“ über 25 000 Exemplare verkauft werden konnten, blieb „The Jilemnice Occultist“ ein Jahr später weit hinter den Erwartungen zurück. MASTER’S HAMMER spielen hier zwar immer noch Black Metal; aber das ist gleich in doppelter Hinsicht zu relativieren. Auch wenn Fenriz „Ritual“ (nicht ganz unberechtigt) als erstes „norwegisches“ Black Metal Album bezeichnet, so unterscheidet sich der Sound der 1987 in Prag gegründeten Band doch grundlegend von der norwegisch-schwedischen Schule der frühen 90er. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die osteuropäische Szene durch den eisernen Vorhang lange Zeit die Möglichkeit hatte, sich isolierter zu entwickeln. Auf „Ritual“ findet sich definitiv Old-School Black Metal mit Tendenz zum Second Wave Sound, wie ihn etwa auch die Ungarn TORMENTOR um MAYHEM-Vocalist Attila Csihar bereits Ende der 80er zelebrierten; doch dabei auf eine sehr eigenständige, ja eben sehr „tschechische“ Art eingezimmert. Außerdem bedienen MASTER’S HAMMER mit „Ritual“ eine klassische Ästhetik: Die Lieder sind eigenständige, abgeschlossene Einheiten, die jedes für sich gehört einen Old-School Black Metal Fan ansprechen müssen. Der okkulte Gehalt steckt in jedem einzelnen Song für sich, die punkige Rohheit und blasphemisch-rebellische Urkraft kann aus jedem Lied ohne Probleme gefiltert und aufgesogen werden. Das Album erschließt sich relativ leicht, hat ursprünglichen, organischen Charakter.

Master's Hammer zu Ritual-Zeiten; v.l.n.r.: Valenta, Monster, Silenthell, Necrocock, Storm / Pic: last.fm

Master’s Hammer zu Ritual-Zeiten; v.l.n.r.: Valenta, Monster, Silenthell, Necrocock, Storm / Pic: last.fm

All das ist auf „The Jilemnice Occultist“ anders. Hier hat František Štorm, Gitarrist, Vocalist und Mastermind, wirklich alle Register der Genialität gezogen und das visuelle, lyrische und musikalische okkult-spiritistische Grundkonzept seiner Band mit den romantischen und mystischen Reizen seiner böhmischen Heimat verbunden. Dadurch hat er es gehoben und es gleichzeitig verlagert. Okkult ist nun nicht mehr (nur) das einzelne Lied, sondern die Geschichte selbst. Das hat jedoch zur Folge, dass die Platte hohe Ansprüche an den Hörer stellt. Sie will erfahren werden wie ein guter Wein, der sich auch erst im richtigen Glas und zur rechten Stunde, mit dem richtigen Ambiente und nicht zuletzt dem Wunsch nach intensiver Geschmackserfahrung auf der Basis besonderer Wertschätzung voll entfalten kann. Es reicht dabei auch nicht, das Album nur als „Konzeptalbum“ zu betrachten. Denn konzeptlos sind MASTER’S HAMMER nie. Um hier in den vollen Genuss zu kommen, sollte man sich vielmehr wirklich Zeit nehmen und das Album als das verstehen, das es ist: eine Operette. Das heißt, das Libretto zur Hand nehmen! Da Štorm grundsätzlich nur in seiner Muttersprache Texte verfasst (was allein schon aufgrund der extrem harten und passenden tschechischen Phonetik absolut begrüßenswert ist), ist es sehr hilfreich, dass der CD Version ein Überblick über das Libretto auf Englisch beiliegt. So hat man zu jedem Lied eine Handlungs- und Szenenbeschreibung, die einem hilft, der Geschichte zu folgen. Leider taten und tun das nur die wenigsten, weshalb „Jilemnice“ für die meisten das blieb, was es auch realiter bis heute ist: ein böhmisches Dorf.

Okkulter Musik-LK

Und damit komme ich zur großen Stärke dieses Albums: die musikalische Umsetzung der besonderen künstlerischen Verfasstheit des Stoffes. Wie bereits erwähnt, liefern die Jungs hier immernoch Black Metal ab. Doch dieser wurde im Gegensatz zum Vorgänger deutlich orchestraler ausgestaltet. Wer hier jedoch nun an Bands wie CRADLE OF FILTH oder DIMMU BORGIR in Phasen ihrer entrücktesten Umnachtungen denkt, liegt völlig daneben. MASTER’S HAMMER sind weit von irgendwelchem Melodic oder Symphonic „Black“ Metal der späten 90er und frühen 2000er entfernt. Hier gibt es keine Plastik-Klischees oder bis zum Erbrechen in den Vordergrund gemixte Keyboards, die aussagefreie Zirkusmusik dudeln. Dieses Album zeigt vielmehr eine Band, die sich ganz klar einer künstlerischen Avantgarde zurechnet. Virtuos werden hier Old-School Elemente wie sehr akzentuiertes, treibendes, aber stets dynamisches Gitarrenspiel und donnernde, bisweilen die Stimmung durch Blastbeats unterstützende Drums mit geradezu klassisch anmutender Kompositionsweise verbunden. Schon auf „Ritual“ hatten MASTER’S HAMMER einen festen Paukisten im Lineup, doch auf „The Jilemnice Occultist“ nehmen die Timpani von Silenthell nun einen deutlich wichtigeren Platz und mehr Raum ein. Das Keyboard von Vlasta Voral bringt in nie überladen wirkender Weise, sondern sehr bewusst und oft in Einheit mit Pauke und Gitarren die Atmosphäre in Richtung Gänsehaut. Sogar in GLORY, HERR HAUPTMANN…!, dem wohl markantesten weil verspieltesten Track des Albums, wirkt das Keyboard nie penetrant, sondern im Gegenteil ungemein geistreich, frisch und originell und fügt sich so trotz seiner Auffälligkeit harmonisch in dieses Stück, das mit seinen vielen Ideen wie etwa Chorgesang, Fanfaren- oder Xylophonanklängen eine merkwürdig heroische Stimmung erzeugt, die zu jeder Sekunde mitreißt – dabei jedoch nie den schmalen Grad zwischen okkulter Düsternis und skurrilem Humor verlässt. Selbst eine OUVERTURE fehlt dem Album nicht, in der durch mystische Keyboardstaccatos und dramatische Gitarren und Pauken die Dynamik der Geschichte hervorragend antizipiert wird. Das Anfangsthema des Keyboards sowie einige Gitarrenpassagen werden dann auch im letzten Track SUCHARDA’S HOME in Reminiszenzen wieder aufgegriffen.

Master's Hammer Promo-Shot, ca. 1991 / Pic: last.fm

Master’s Hammer Promo-Shot, ca. 1991 / Pic: last.fm

Aber das wirklich Spannende und Faszinierende an der Komposition sind die feinen Elemente einer Sinfonischen Dichtung. Man hat fast das Gefühl, MASTER’S HAMMER haben sich hier ein wenig an ihrem Landsmann Bedřich Smetana und seinem bekannten Werk „Má vlast“ orientiert. Wenn in A DARK FOREST SPREADS ALL AROUND Herzog Satrapold eine Jagd unternimmt, während der er einen Reitunfall erleidet, sitzt man gebannt vor den Lautsprechern und lauscht den treibenden Paukenschlägen und der Doublebass, die zusammen mit den dezent an Jagdhörner erinnernden Gitarren und Keyboards die Szenerie gewaltig und bedrohlich vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Wenn in IN THE MISERY OF FATE I’M HAUNTED… der tragische Blether sein Schicksal beklagend und von Alkohol getränkt durch die Straßen irrt, kann man im traurigen Hauptthema des Stücks förmlich seinen verzweifelten Selbsthass hören und das Keyboard singt dabei über den Blether unweigerlich auf den Abgrund zutreibenden Gitarren das Klagelied der Seele. Vor seinem Selbstmord wird die Zuspitzung durch gewaltige Paukenwirbel und ein bedrohliches Messerwetzen deutlich, während disharmonische Keyboard- und Gitarrenläufe sich unaufhaltsam in den Wahnsinn schrauben.

One throat to rule them all

Über alledem thront die unvergleichliche Stimme von Franta Štorm. Seine einzigartigen, gekrächzten Black Metal Vocals, die er vermutlich durch eine spezielle Inhale-Technik hervorbringt, waren schon auf „Ritual“ markant. Doch was er hier abliefert, ist so jenseits von Gut und Böse, dass man nur noch mit offenem Mund vor seiner Anlage sitzt. Die mit solcher emotionalen Inbrust raus geächzten tschechischen Libretto-Verse lassen einem wahrlich das Blut in den Adern kochen und gefrieren zugleich. Dabei verändert Štorm, je nach Sprechrolle, die Tonlage seiner zerschundenen Kehle, sodass man, wenn man genau darauf achtet, sogar die Personen voneinander unterscheiden kann (z.B. schön zu hören in MY CAPTAIN…). Das Album gewinnt dadurch ungemein an Persönlichkeit, nicht zuletzt durch kleine lyrische Details, die zusammen mit der tondichterischen Heransgehensweise die Geschichte lebendig machen. Das absolut kultige Husten Atraments und das Lachen der Wahrsagerin in AMONG THE HILLS A WINDING WAY, oder der kauzige Germanismus „Himmelherrgott“ des überführten Bösewichts Poebeldorf in OH, MY PRECIOUS SIR, DO YOU REMEMBER WHEN… sind dafür nur zwei Beispiele.

Fazit: „The Jilemnice Occultist“ ist nichts weniger als ein Stück Black Metal-Geschichte. Es war damals einzigartig und hat bis heute nichts von seiner Sonderstellung eingebüßt. Was da 1992 aus den böhmischen Wäldern heraus schallte ist ein echtes Kunstwerk und sollte als solches begriffen werden. Die Songs funktionieren auch einzeln, das Album verzeichnet musikalisch keinen Ausfall. Dennoch erlangt man aufgrund der komplexen konzeptuell-stilistischen Darbietung einen wirklich tief dringenden Hörgenuss erst dann, wenn man mit Libretto und vielleicht einem guten tschechischen Bier auf der Couch sitzt und auf all die Details achtet, die, setzt man sie richtig zusammen, dieses besondere Album zu einem echten Trip machen. Man wird belohnt für seine Beschäftigung mit dem Werk. Wenn man will, kann man sich auch den Spaß machen und die tschechischen Verse einmal durch den Translator jagen. Das Ergebnis kann zwar in keiner Weise befriedigen, aber es wird ungefähr deutlich, wieviel poetische Kraft in der Feder von Franta Štorm steckt.

Master's Hammer heute; v.l.n.r.: Franta Štorm, Vlasta Voral / Pic: last.fm

Master’s Hammer heute; v.l.n.r.: Franta Štorm, Vlasta Voral / Pic: last.fm

Die einzigen Kritikpunkte, die man dem Album vorhalten kann, sind vielleicht die zum Ende hin ein wenig unglaubwürdige Wendung der Geschichte sowie das stellenweise zu getriggert klingende und im Bereich der Doublebass etwas dünn abgemischte Schlagzeug, was aber im Hinblick auf die Atmosphäre der Platte sehr marginal ausfällt. Leider hat das Album nie die Beachtung erfahren, die es verdient hätte. 1992 war ein Wendejahr im Black Metal und ein halbes Jahr später sollte die ganze Welt gebannt auf eine Szene in Skandinavien schauen, die von einer Medienkampagne ohne Beispiel zum Trend erklärt und ausgeschlachtet wurde. Es verdunkelte sich um MASTER’S HAMMER. Doch das ist gut so. Es gewährleistete der Band die Ruhe, ihre eigenen Wege zu gehen, abseits von Hype und Kommerz. Gerade erst erschien ihr neues Album „Vracejte konve na místo“. Aufgenommen in den böhmischen Wäldern, erschienen im Selbstverlag. Nahtlos anknüpfend an die großen Zeiten. Doch nur für die, die sich darum bemühen…

Für mehr Informationen zu Master’s Hammer und ihrem Werk: Homepage; Encyclopaedia Metallum
Label: Osmose Productions

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