Archiv der Kategorie: Rezensionen

Hier findet ihr unsere Rezensionen. Unser Hauptaugenmerk liegt grob auf den Genres Rock und Metal. Wir nähern uns der Musik dabei auf dem Niveau des täglich konsumierenden, geübten Hörers. So hoffen wir dem etwas ungeübteren Hörer noch neue Aspekte und Einblicke in die Musik bieten zu können, ohne dabei etwa so abgehoben zu formulieren, wie es ein Musikwissenschaftler vielleicht tun würde.

Pure Nostalgie: Radio Moscow @ Schlachthof Wiesbaden (Kesselhaus), 09.08.2016

Als Nostalgiker und Liebhaber von guter Musik beschleicht einen zeitweise die fatale Vermutung, dass es bald wohl vorbei sein könnte. Vorbei die Zeiten, in denen Musik eine Form darstellender Kunst war. Verschwunden die Aura von Intellekt und Genialität, die gute, ehrliche Musiker zu versprühen wussten. Zur Unscheinbarkeit verblasst der Glanz von frühen Größen, die mit ihren musikalischen Beiträgen ganze Genres revolutioniert oder erst aus der Taufe gehoben haben. Im zahl- und gesichterlosen Wirrwarr der Youtube-Sternchen, die auf rein computergenerierte Beats ihre effektüberladenen Stimmchen durch knarzige Laptoplautsprecher in die Welt herausquieken, scheint es so etwas wie eine Daseinsberechtigung für geniale Musiker kaum noch zu geben…

Wären da nicht die Sparten. Gut, dass die Beletage der reichen Industrienationen lieber Klassik als Plastik hört. Gut auch vor allem, dass das Rockgenre seit seiner Entstehung Mitte des zurückliegenden Jahrhunderts sich in so unendlich viele diffuse Arme verzweigt hat, dass nicht nur der Mainstream, sondern auch die Nebenströme sich auf eine breite Basis stützen können.


Parker Griggs ist Nostalgiker. Der Kopf von RADIO MOSCOW sieht aus wie seine Eltern: Langes dünnes Haar, der Versuch eines ernstzunehmenden Bartes, Schlaghose und weitfallendes Shirt im Blumenschick der 68er, dekoriert mit einer abgeranzten Strat in Sunburst Ton und – ganz Rory Gallagheresque – nicht gekappte Saiten.

RadioMoscow_Patrick1-720x720

Radio Moscow – livin‘ up to that 68 spirit (© http://www.alive-records.com)

Wobei hier von reiner Dekoration zu sprechen den Fähigkeiten des Mannes aus Iowa absolut nicht gerecht werden würde. Beim Auftritt seiner Band im Kesselhaus des Schlachthofs Wiesbaden wird relativ schnell klar: Griggs ist Virtuose, der Gegenentwurf des modernen Hipsters. Während die Einwohner von Berlin Kreuzberg, New York Williamsburg und Co. wohl meist eher reine Pretender sind, lebt Griggs den von ihm abgebildeten Lebensstil mit jeder Faser.

Das bedeutet auch eine besondere Form von Kommitment, eben die Bereitschaft, sich mit der  Kunst professionell auseinandersetzen und sie nicht als reines Hobby mit nettem Nebenertrag zu betrachten. Das akribische Üben von Tonleitern und Klangfarben etwa muss man schon bewältigen, wenn man auf das Niveau kommen will, auf dem Griggs auch an diesem Abend performt. Gepaart mit einem offensichtlich in erhöhtem Maße vorhandenen musikalischen Talent, fließt die dabei entstehende Energie durch Griggs Fingerspitzen und das Palisandergriffbrett, durch die Orange Amps in die Ohrmuscheln der meist leicht betäubten Zuhörer und verbreitet unter diesen eine Art Woodstock-Make-Love-not-War-Die-Welt-ist-ein-Sonnenblumenfeld-Feeling. Auf Ansprachen an das Publikum verzichtet Griggs dabei meist. Das typische Publikum im Wiesbadener Kesselhaus besteht ohnehin aus einem sehr eng gefassten Klientel und so bedarf es keiner weiteren Worte, um die Message zu transportieren, die an diesem Abend im Raum steht und die man mit so etwas wie dem bekannten Zitat von FRANK ZAPPA greifbar machen könnte:


„Information is not knowledge. Knowledge is not wisdom. Wisdom is not truth. Truth is not beauty. Beauty is not love. Love is not music. Music is the best.“


So besinnt man sich auf das Wesentliche. RADIO MOSCOW spielen einen hyperpsychedelischen Blues-Rock, der ähnlich von der Virtuosität seines Protagonisten lebt, wie das etwa bei RORY GALLAGHER oder THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE der Fall war. Songs, wie die ebenfalls im Kesselhaus dargebotenen I JUST DON’T KNOW, BROKE DOWN oder DEEP BLUE SEA sind dabei von denkbar einfacher Struktur. Sie basieren in der Regel auf einem simplen Blues Riff oder Lick das meist durch die Laufzeit des Songs auch kaum entwickelt wird. Was die ganze Sache so interessant macht, sind die eingestreuten Verzierungen in Form von Griggs‘ ausufernden Solobeiträgen, dem 60er/70er Jahre Groove, der starken, rauhen, aber nicht penetranten Stimme.

Zu Zeiten der oben genannten Legenden des psychedelischen Blues Rocks, hätten dem Trio aus Iowa ihre Performances Ruhm, Reichtum und jede Menge Baumwollschlüpfer eingebracht. Heute reicht es immerhin für ein paarhundert Zuschauer im damit fast schon prall gefüllten Kesselhaus – dennoch reich oder berühmt werden die Jungs wohl eher nicht mehr, sollten sie ihrer Leidenschaft treu bleiben. Aber sie schaffen vielleicht etwas viel Wichtigeres:  Sie halten den 68er Spirit und den damit verbundenen Glauben hoch, dass echte, leidenschaftliche Rockmusik und deren Interpreten auch im überladenen Youtube-2016 noch eine Daseinsberechtigung haben.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Performances, Rezensionen

Dämonischer Schwefelaufguss: Beherit – Drawing Down The Moon (Spinefarm Records, 1993)

1993 war ein ertragreiches Jahr für die „Second Wave of Black Metal“, besonders aus norwegischer Sicht. DARKTHRONE, BURZUM, MAYHEM, IMMORTAL, EMPEROR, ENSLAVED, aber auch die Schweden MARDUK und DISSECTION hoben allesamt majestätisch-kalte Klassiker aus dem unheiligen Taufbecken. Doch während die exaltierten Wikinger zusehends ihre Freizeit auf Gerichtsbänken und Titelseiten verbrachten, wurde nebenan im Land der tausend Seen weiterhin zweimal die Woche mit dem Gehörnten sauniert: IMPALED NAZARENE aus Oulu und BEHERIT aus Rovaniemi (beides schon rein geographisch deutlich brutaler als Bergen oder Oslo) zerrten ebenfalls zwei Bastarde der schwarzen Kunst ans Zwielicht. Nicht minder klassisch; dafür betont finnisch: radikal, asozial, böse. Während die Nuclear Sadopunks aus Oulu bis heute konsequent die Kategorien „radikal“ und „asozial“ bedienen, ist das erste offizielle Album von BEHERIT vor allem eines: vitun ilkeää – verdammt evil.

Beherit um 1991 / Pic: flickr.com

Drawing Down The Moon ist ein pechtriefender Brocken satanischer Black Death Metal aus der Schule alter SARCÓFAGO oder BLASPHEMY. Besonders BLASPHEMY lassen grüßen – und BEHERIT grüßen zurück (per Booklet). Der Einfluss der wilden Kanadier ist nicht zu leugnen: Das Album poltert und walzt sich höllisch trocken in die Gehörgänge, der Sound ist weder klirrend kalt noch melancholisch klagend, sondern unzeitgemäß fleischig, bassig, bösartig. Die Gitarren dick und schwarz wie verkohlte Kirchentore, das Schlagzeug ein dumpfer Tribut an den kettenrasselnden Knecht Ruprecht mit der Rute; mal barbarisch prügelnd, mal rumpelnd im schweren Rhythmus beladener Pestkarren.

Satanischer Groove

Im Gegensatz zu Demotagen jedoch triumphiert auf Drawing Down The Moon endlich Eigenständigkeit über Hommage. Die Produktion erscheint im Vergleich zum Vorgänger The Oath of Black Blood geradezu „klar“. Vorbei die Zeiten ungestümer Gewaltorgien und rasender Tobsucht – die Lappländer nehmen den Pferdefuß vom Gas. Die thrashigen Soli verschwinden, die Riffs scheuern sich bis auf ein paar tollwütige Ausnahmen (Down There…, Werewolf Semen and Blood) in schleppendem Midtempo die Knie blutig. Trotz ihrer Ungeschliffenheit vereinen die zwölf Songs dabei auf nuancierte Weise rohe Monotonie und beschwörend-rhythmische Passagen; der abrupte Riffwechsel im Mittelteil von Salomons Gate illustriert das sehr gut. Ja, meist verschmelzen BEHERIT die schwarzen Gift-und-Galle-Brocken gar zu einem morbiden Groove, der geradezu hypnotisierend wirkt (Sadomatic Rites, Nocturnal Evil, Unholy Pagan Fire, Thou Angel of the Gods oder das primitiv-geniale The Gate of Nanna).

Beherit und Impaled Nazarene live beim Day of Darkness Festival in Oulu, August 1991 / Pic: last.fm

Beherit und Impaled Nazarene live beim Day of Darkness Festival in Oulu, August 1991 / Pic: last.fm

Damit nimmt die Band einen Paradigmenwechsel vor. Auf The Oath of Black Blood hatte das Trio noch stark die Death Metal- und Grindcore-lastige Seite oben genannter Bands betont, indem es dem Hörer Bestialität und Hass unverhohlen ins Gesicht spie und durch ungezügelte Brutalität den Abaddon beschwor. Mit Drawing Down The Moon verlagern BEHERIT das Gewicht deutlich auf den Black Metal, stoßen bis zu seinem Wesen vor. Anstatt das Höllentor gewaltsam aufzubrechen, binden sie den Hörer in einem düster-monotonen Sog aus Dämonen und Scheiterhaufen, bis ihn ein stinkender Pfuhl aus Schwärze unweigerlich verschluckt. Es gelingt ihnen, trotz ihres brutalen Soundgewands eine Stimmung zu kreieren, die gefangen nimmt, die fassbar ist. Oh, shine of moon, of the astral gods / It ravishes, it calls us to sin… Das unheilige Ritual, die Essenz von BEHERIT – 1993 wurde sie teuflisch gut eingefangen.

Schwarze Kunst

Die Platte verströmt das Gefühl einer archaischen Kultstätte: Nackte Körper tanzen da in Trance um ein Feuer, satanische Verse lodern auf, es stinkt nach Schwefel allerorten. Erzeugt wird die bedrohliche Atmosphäre vor allem durch zwei Elemente, die Drawing Down The Moon für seine Zeit nahezu avantgardistisch machen: Da ist zum einen die mit Effekten überladene Stimme von Mastermind „Nuclear Holocausto Vengeance“ (preiswürdiges Pseudonym übrigens), die klingt, als hätte man das Predator-Monster und den Balrog von Morgoth gemeinsam für Session-Vocals engagiert. Voicechanging ist im Black Metal anno ’93 nicht gerade en vogue – von der vordergründigen Position im Mix ganz zu Schweigen. Doch der mutige SARCÓFAGO-Tribut bekommt dem Album. Selten hat man sich bei Black Metal im positiven Sinne so mies gefühlt wie im boshaften Black Arts.

Nuclear Holocausto Vengeance / Pic: deathmetal.org

Zum anderen der gezielte Einsatz von spacigen Ambient-Elementen, die der Scheibe einen mystischen Schauer verleihen (Lord of Shadows and Goldenwood). Auch die beiden Synthesizerstücke Nuclear Girl und Summerlands wirken in ihrer Ruhe nicht deplatziert, im Gegenteil: Wenn in Summerlands vor tropischen Soundscapes eine Stimme verstörend von Tod und Abschied flüstert, dann trägt das sehr zur beklemmenden Atmosphäre der Scheibe bei. BEHERIT setzen hier das Scharnier zu ihrem späteren Sound, der in den weiteren 90ern zu rein elektronischen, dem Metal völlig entfremdeten Dark Ambient Alben führen sollte und gerade 2012 mit der EP Celebrate The Dead wieder in ein hypnotisierendes Black Metal-Delirium zurück gefunden hat.

Es mag Zeit und Aufmerksamkeit kosten – Fakt bleibt: Drawing Down The Moon gehört zum Schwärzesten, Obskursten, Hässlichsten und Interessantesten, das der frühneunziger Black Metal hervorgebracht hat. Allen, denen BEHERIT bislang nur durch ihr 2009er Comeback Engram bekannt waren oder die noch immer glauben, spätestens mit A Blaze In The Northern Sky sei doch in Sachen „necrogrim“ ohnehin der Drops gelutscht gewesen, sei dringend empfohlen, ein Ohr zu riskieren. Abstoßend? Sicher. – Übertrieben? Absolut. – Authentisch? Aber zu 666 Prozent! Black Metal-Pflichtprogramm. Best enjoyed on cold winter nights of full moon.

mehr Informationen: Homepage; Encyclopaedia Metallum; Last.fm; Temple ov Beherit (Fanpage mit tonnenweise Material aus den alten Tagen); Spinefarm Records

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Platten, Rezensionen

Totalitäre Kunst: Laibach @ Batschkapp Frankfurt/M., 11.09.2012

Pic: Ruska

We are no ordinary type of group / We are no humble pop musicians / We don’t seduce with melodies / And we’re not here to please you / We have no answers to your questions / Yet we can question your demands / We don’t intend to save your souls / Suspense is our device (Laibach, WAT, 2003)

LAIBACH ist Sloweniens größter kultureller Export. Eine der ersten und bedeutendsten Martial Industrial Bands, wichtige Inspiration für Gruppen wie RAMMSTEIN oder NINE INCH NAILS; wegweisend und innovativ bis heute. Musikalisch kennen sie keine Berührungsängste. Sie haben in über dreißig Jahren Bandgeschichte fast das komplette Spektrum moderner wie klassischer Musik in ihren Sound integriert, mal gemeinsam mit einem Orchester Wagner mit Jazz und Electro verbunden oder für die Death Metal Ikone MORBID ANGEL das Remixing beaufsichtigt. 2012 nun der Soundtrack zur Nazi-Satire „Iron Sky“, bei dem wieder fleißig aus Wagner zitiert wird.

Dabei verlangen LAIBACH wie kaum eine andere so erfolgreiche Band unserer Zeit eine intensive Werkinterpretation, ästhetisches und geschichts-politisches Bewusstsein. Es wurde viel über sie geschrieben, Kunst- und Kulturtheoretiker, Soziologen und Philosophen aus aller Welt arbeiten sich an ihrer Kunst ab. Seit der Gründung im slowenischen Trbovlje 1980 erschaffen LAIBACH ein provokatives Gesamtkunstwerk aus Musik, Malerei, Grafik, Film, Aktionskunst und sind der musikalische Arm des 1984 von ihnen mitbegründeten Künstlerkollektivs NSK (Neue Slowenische Kunst), das 1992 durch den utopischen NSK-Staat ersetzt wurde.
Man könnte denken, ohne eine ausreichende Beschäftigung mit den politisch-ideologischen und industriellen Verhältnissen im post-titoistischen Jugoslawien der 80er Jahre sei ein absolutes Verständnis der künstlerischen Intention von LAIBACH und NSK im Grunde kaum zu erreichen; und vielleicht ist das so. Dennoch ist LAIBACH intuitiv erfahrbar. Besonders dann, wenn sie ihre Musik live inszenieren.

Retrogardistische Provokation

We come in peace: LAIBACH Occupy Frankfurt / Pic: Ruska

Ein LAIBACH Konzert ist keine normale Musikveranstaltung. Ihre Show ist mitreißend, bewegend und gleichzeitig so martialisch-steif und durchorganisiert wie eine totalitäre Massenkundgebung – ein Gesamtkunstwerk. Dazu gehört auch das Publikum. Da stehen bepatchte Black Metal-Lederjacken neben RAMMSTEIN-Jüngern, bebrillte Normalos mit Filialleitergesicht neben Darkwavern, Industrial-Fans und der Oldschool EBM-Sektion Frankfurt. Einige haben sich besonders in Schale geworfen: Man trägt militärische Parteiuniform im Nürnberg-Stil, Hemd, Krawatte, Koppel, hier und da sieht man Armeeschiffchen auf den Köpfen; die Frisuren gereichen meist einem Reinhard Heydrich zur Ehre. Das ist der LAIBACH-Faktor. Das ist die Avantgarde, oder, um es mit LAIBACH zu sagen, die Retro-Avant-Garde.
Retrogardistisch ist auch das Merchandiseprogramm. Tonträger nehmen nur eine kleine Rolle ein, viel wichtiger die Propaganda-Artikel: Shirts mit den LAIBACH Symbolen, schwarzen Kreuzen, Jungvolk-Trommlern – „Die erste Bombardierung! Laibach über dem Deutschland!“ Dazu breit gefächert Accessoires für jedermann: weiße Armbinden mit dem schwarzen Kreuz der NSK, Krawatten, die passenden Nadeln dazu, schwere Ledergürtel mit LAIBACH-Koppelschlössern, Mützen mit den Slogans „Arbeit macht frei“ oder „Arbeit macht nicht frei“, „Antisemitism“-Kondome; außerdem „LAIBACH organic soap“ mit der Aufschrift „Schwitz aus!“ – mehr Provokation geht definitiv nicht.

Und ich habe auch nichts gegen Provokation. Ich bilde mir sogar ein, LAIBACHs Art von Provokation einigermaßen zu verstehen – und ich mag sie. Doch genau das lässt mir zumindest Teile der Devotionalien suspekt erscheinen. Gerade bei einer Band, die offensichtlich auf einem soliden intentionalen Fundament ruht, was ihre Kunst angeht, ist mir die Stoßrichtung plumper Nazi-Phrasen auf Cappies nicht ganz klar. Es bleibt dabei, dass solche Artikel, losgelöst von ihren sinnstiftenden künstlerischen Bezugsrahmen, versagen müssen; was sie leider schnell der Geldmacherei verdächtig macht, wofür wiederum die saftigen Preise sprechen mögen: denn 25 € für ein T-Shirt, 15 € für ein Stück Seife oder 10 € für ein stinknormales Tourposter gehen mir dann doch zu weit. Einziges Manko des Abends. Dennoch fügt sich selbst die Registrierkasse ins Gesamtkunstwerk ein: vorne prangt gut sichtbar ein weiß-ovaler Länderkennzeichenaufkleber des NSK-Staates. LAIBACH, der Fiskus.

Monumental Retro-Avant-Garde / Pic: Ruska

„Meinen die das ernst, oder ist das Ironie?!“ – das ist sicher die häufigste Reaktion auf LAIBACH, gerade von westlicher Seite. Doch die Frage geht völlig am Werk der Slowenen vorbei. Mit für und wider kann man ihre Kunst nicht fassen, muss man sie zwangsläufig missverstehen. Ihr Konzept ist keine Parodie, keine Kritik; aus der Sloterdijkschen Einsicht heraus, dass im spätkapitalistischen Zeitalter ohnehin jeder ideologische Diskurs an Zynismus kranken muss. Stattdessen bietet LAIBACH Doppeldeutigkeit und Irritation, ihr Stilmittel ist eine subversive Überidentifikation mit totalitären Systemen. „All art is subject to political manipulation (indirectly – consciousness; directly), except for that which speaks the language of this same manipulation.“ (LAIBACH, 1982)

Sie fingen an, indem sie totalitärer auftraten als der jugoslawische Staat selbst. Allein der Bandname, der deutsche Name für die slowenische Hauptstadt Ljubljana, war eine kalkulierte politische Provokation. Ihre Ästhetik faschistoid, ihre Auftritte martialisch, ihre Interviews entpersonalisierte, komponierte, ideologische Manifeste. LAIBACH entwickelten sich entlang der Geschichte, veränderten sich vor allem musikalisch – verarbeiteten Pop, Rock, Post-Punk, Metal, Techno, Ambient – doch das ideelle Fundament blieb zementiert bis heute: „Kunst ist politisch.“ LAIBACH ist weder Osten noch Westen, es ist der Spiegel dazwischen. Nicht umsonst wurde das NSK-Kollektiv zum globalen Utopie-Staat (der übrigens ein paar Botschaften unterhält, sowie eigene Ausweise druckt): Der NSK-Staat ist die unabhängige künstlerische Kraft jenseits territorialer Grenzen und Systeme, die diese nicht kritisiert, sondern sie adaptiert, konserviert und in Beziehung setzt, neue Wege offenbart. LAIBACH projizieren historische Traumata und deren Aktualität gezielt in die Köpfe; Totalitarismus, Gesellschaft, Religion, Krieg, Ideologie, Philosophie, Industrie, Führerkult und nationale Identität sind ihre Hauptthemen, die sie oft verstörend und doppeldeutig inszenieren. So auch in Frankfurt.

We Come In Peace…

Kunst ist politisch: LAIBACH live (Alle gegen Alle) / Pic: Ruska

Die zwei Projektoren, mit denen die Band ihre Musik schon seit langem visuell unterstützt, werfen bereits das Tourplakat auf die Leinwand: WE COME IN PEACE. LAIBACHs September-Tour läuft weiterhin unter dem Motto des Nazi-Trash-Streifens Iron Sky, für den sie den kompletten Soundtrack geschrieben und bereits im Frühjahr intensiv präsentiert haben. Dennoch soll der Set ein Querschnitt durch ihr Werk sein; nicht zuletzt, weil gerade mit Reproduction Prohibited: An Introduction to… LAIBACH ihr erstes „Best-of“ erschienen ist, das vor allem das bekannteste Trademark der Slowenen illustriert: ihre einzigartige Begabung, Klassiker des Rock/Pop und Beat-Mainstreams in völlig neue Sound- und Bedeutungsgewänder zu kleiden.

Nach einem kurzen Wagner-Intro geht es los mit dem „Iron Sky-Part“ des Sets. Die Bühne ist in ein passend blau-stählernes Licht getaucht. Auch wenn nur zwei der vier Songs auf dem Soundtrack vertreten sind, so bilden sie dennoch eine Einheit. Der perfekte Opener B-Mashina und das EUROPE-Cover Final Countdown bilden den dramatisch-heroischen Auftakt, stimmungsvoll unterlegt mit den nicht weniger dramatischen Szenen der Space-Götterdämmerung aus dem Film. Danach führen das melancholisch-traurige und doppeldeutige America (Gänsehaut!) vom hervorragenden 2006er Album Volk und das wiederum auf dem Soundtrack vertretene, Chanson-artige Take me to Heaven in ruhige, verträumte Gefilde. Hier kann zum ersten mal Sängerin und Synthesizerin Mina Špiler zeigen, wie wichtig sie für das LAIBACH-Feeling anno 2012 ist. Ohne ihre überwältigend schöne und vielseitige Stimme als Kontrast zum düsteren Sprechgesang von Milan Fras, der sich hier auch mitunter mal ganz zurückziehen darf, aber auch ohne ihre anmutig-strenge Erscheinung wäre die Atmosphäre nicht mehr denkbar. Auch hier untermalen Iron Sky-Szenen die Performance, langsamer, thematisch näher an die emotionale Stimmung gerückt; Umarmungen, Zwietracht, Küsse, Tränen.

…and Darkness

Damit endet dieser Block; es wird düster, musikalisch wie visuell. Ein Interlude aus psychotisch disharmonischen Keyboardläufen, Schreien und Lasergewitter markiert den Bruch; mit Smrt za smrt, Brat moj und Ti, ki izzivaš greifen LAIBACH weit zurück in ihre Anfänge. Die dunkel beschwörende Stimme von Sänger Milan wird getragen von bedrohlichen Keyboardmelodien und einem stampfenden Industrial-beat mit hämmernden und kreischenden Samples; die Bühnenbeleuchtung ist düster, Milans Gesicht angestrahlt – verstörende Pianorolls und -akkorde, Angstschreie. Smrt za smrt könnte auch der Soundtrack zu einem Horrorstreifen sein. Die Leinwand ist nun erfüllt mit dunkler Symbolik, Maschinenrädern, alten, schwarz-weißen Fotografien; Textzeilen laufen auf Deutsch und Englisch durch das Bild. Die Lieder handeln von Tod und Wagnis. Beim sphärisch dahinziehenden und mit blubbernden Bässen und Hammerschlägen angereicherten Brat moj sieht man in warmen Rottönen eine Frau bei der langsamen Fellatio. „Do you feel the courage raised by night… Schreite mit uns zum neuen Lichte empor“. LAIBACH ist auch Erotik. Denn auch Erotik ist Verführung und Selbstbehauptung.

Es bleibt altehrwürdig, mit zwei absoluten Industrial-Klassikern aus den Anfangstagen. Die Liebe vom Nova Akropola-Album und Leben – Tod vom ’87er Meilenstein Opus Dei, in ihren Originalversionen schonungslos monotone Maschinen-Stampfer, über deren Hammerschlägen die tief gesprochenen deutschen Schlagsätze von Frontmann Milan kreisen, verlieren zwar 2012 live durch die sphärisch eingängigeren Synthesizerklänge, Elektro-Beats und die Gesangsparts von Mina etwas von ihrer unbändigen, fast anarchischen Urkraft. Dafür sind sie umso druckvoller und werden von Instrumenten und Lichtshow auf fulminante Höhepunkte geführt. Sehr geil. Beide Songs sind im Übrigen ein perfektes Beispiel für LAIBACHs Gefühl dafür, eine marschierende Einheit zu schaffen aus Industrie-Monotonie und schiebendem Groove, wobei durch die Texte eine zusätzliche Entfremdung stattfindet. Die Stimmung pendelt in ständiger Unsicherheit – doch das macht es so interessant.

Reproduction Prohibited

Mit dem BOB DYLAN-Cover See That My Grave Is Kept Clean wird nun endgültig der zweite Teil des Konzerts eingeläutet, die Lieder werden eingängiger. Und bekannter. Die Cover häufen sich. Der Rest des Sets ist eine Führung durch die geniale Änderungsschneiderei der Band. LAIBACH verstehen es meisterhaft, Tunes großer Bands zu nehmen und sie – ohne willkürliche textliche Änderungen – musikalisch und in ihrer Bedeutung völlig neu zu definieren. Sie verpassen ihnen martialischen Elektro-Sound sowie die unverwechselbare Intonation und stellen sie so, gleichzeitig Tribut wie Eigenkomposition, in den Dienst der LAIBACH-Kunst.
Dabei sind gleich zwei Songs im Set neu und erstmals auf dem Anfang September erschienenen Best-of zu finden: BOB DYLAN’s Ballad of a Thin Man sowie das THE NORMAL-Cover Warm Leatherette, von LAIBACH typisch irritierend eingedeutscht zu Warme Lederhaut. Der Song behandelt wiederum Sex, visualisiert durch Szenen nackter Hautpartien. Ballad of a Thin Man stellt einen zwischenzeitlichen Höhepunkt des Auftritts dar. Der Song ist live noch beklemmend-schöner als auf CD und wird unterstützt durch an die Wand geworfene, zerlaufende Textteile, die ein verlorenes Gefühl erzeugen. Epic.

Danach ist bei Mina Špiler’s Solo im wunderschönen BEATLES-Cover Across the Universe vom Let it Be-Album wieder Zeit zum Runterkommen und Relaxen, bevor es mit Tanz mit Laibach nochmal so richtig auf die zwölf gibt. Der martialische EBM-Techno Smasher vom Album WAT lässt dann auch keinen mehr unbewegt – zum ersten Mal springt auch physisch der Funken voll aufs Publikum über. Das Video zum Lied, über die Projektoren abgespielt, ist visuelles Aufputschmittel par excellence, Sänger Milan schmettert über den hämmernden Beat die Textzeilen: Mit Totalitarismus / Und mit Demokratie / Wir tanzen mit Faschismus / Und roter Anarchie / Eins, zwei, drei, vier / Deutsches Volk komm tanz mit mir! Der Song ist ein tolles Beispiel für den doppeldeutigen Massenverführungseffekt, mit dem LAIBACH so gerne spielt. Dennoch finde ich, dass die komplett elektronische Version des Liedes, bedingt durch das aktuelle Line-Up, nicht die Wirkung erzielt, die es noch beispielsweise 2004 in der klassischeren Rock-Besetzung mit Gitarre und Bass sowie den effektvollen Trommlerinnen erreichen konnte. Die sphärischen Synthesizer hier und da können den Unterschied leider nicht ganz ausgleichen; das Stück büßt zuviel von seiner harten Note ein.
Das D.A.F.-Cover Alle gegen Alle macht politisch weiter. Der Track wummert und groovt über einem rockigen Beat unaufhörlich vorwärts, die ambivalenten Lyrics kommen fast bedrohlich rüber. Auf der Leinwand im Hintergrund hebt sich zum Takt immerfort ein rechter Arm, ein Junge schlägt auf eine Trommel. Die Stimmung ist theatralisch, Spannung liegt in der Luft. Starke Performance!

LAIBACH fordern, das Volk gehorcht: Tanz mit Laibach! / Pic: Ruska

Nach Du bist unser, Warme Lederhaut und dem SERGE GAINSBOURG-Cover Love on the Beat verlassen LAIBACH die Bühne. Jedoch nur, um kurz darauf mit zwei der größten Hits ihrer Karriere zurückzukehren, die auch gleichzeitig Paradebeispiele sind für die Kunst der Band, Mainstream-Klassiker in totalitär verführerische Heroenstücke umzudeuten. Aus dem Bierzelt-Hit Live is Life von OPUS wird Leben heißt Leben, aus der Stadion-Rock-Hymne One Vision von QUEEN wird Geburt einer Nation. Beide Stücke erschienen 1987 auf dem wegweisenden Opus Dei. Besonders Geburt einer Nation ist ein Prototyp subversiver Umdeutung. Mit Freddie Mercury’s Worten erzeugen LAIBACH lediglich durch eine Übertragung des Textes ins Deutsche und wenige subtile Vokabelauslegungen ein nationalistisches, faschistoides Gefühl.
Dabei beschwören die Slowenen nicht nur durch die harte deutsche Phonetik absichtlich historische Schauer herauf, sondern setzen sich auch intensiv mit dem Zusammenhang von Totalitarismus, Verführung und Starkult auseinander; der Beziehung von Hype, Charisma und Massenhysterie, welche sich gerade in einer Band wie QUEEN hervorragend manifestiert, wo ein Freddie Mercury in riesigen Arenen die Massen dirigierte. „The Star system has its own rational foundation: in the fascist form of totalitarianism it helped the people to transcend their immediate traumatic existence by identification with the leader. The Hollywood principle awakens belief and recognition that there is a world in which the fulfilment of dreams is reality.“ (LAIBACH, 1986-1990)

Beide Songs erfahren musikalisch die typische LAIBACH-Kur: aus positiven Feelgood-Schlagern werden martialisch-heroische Hymnen mit starrem Gestus. Viel Fanfare, viel Marsch. Im Sinne des Gesamtkunstwerks LAIBACH haben diese das Gefühl in beiden Liedern auch optisch umgesetzt. Die Videos zu Life is Life und Geburt einer Nation sind völlig geile Manifeste bierernsten Humors oder humorloser Komik. Es ruft im ersten Moment ein Grinsen hervor, wenn man die Band in Life is Life in völkischer Tracht mit granitharten Mienen und Frisuren über alpine Gipfel stapfen sieht. Doch je länger das Video dauert, desto mehr verwandelt sich Belustigung in Irritation und man findet sich plötzlich selbst fasziniert von der martialischen Ästhetik. (Wenn man die Videos kennt, versteht man auch schnell, woher RAMMSTEIN die Idee zu ihrem Stripped-Cover nahmen.)
Die Intensität dieses Effektes kann die live-Performance allerdings nicht erreichen. Dafür fehlt LAIBACH 2012 ein wenig der totalitäre Habitus. Dennoch findet man sich wohlig verunsichert, sobald das Keyboard-Intro von Geburt einer Nation abgeklungen ist, der Song in einen militanten Stampfer übergeht und Milan die Stimme erhebt: „Ein Mensch! Ein Ziel! Eine Weisung!“ – eine klasse Zugabe.

Totalitäre Einheit

„Gebt mir ein Leitbild!“: Sänger Milan Fras / Pic: Ruska

Nach einer zweiten Draufgabe mit dem ursprünglich Metal-lastigen, heute jedoch in eine metallisch pumpende EBM-Nummer verwandelten JUNO REACTOR-Cover God is God und dem passenden Schlusstitel Das Spiel ist aus ist das Spektakel dann auch wirklich vorbei. Nach über 2 Stunden Spielzeit treten LAIBACH endgültig ab.
Seit jeher und ungeachtet aller Personalwechsel besteht die Besetzung, so liest man es in allen Booklets und Interviews der Band, aus Eber, Saliger, Dachauer und Keller. LAIBACH ist ein Kollektiv. Das ist wesentlich, das ist Kunstprogramm. Der Einzelne tritt zurück und macht Platz für die totale Kunst. Außer durch die Stücke selbst und ihre Inszenierung findet keine verbale Kommunikation mit dem Publikum statt. Keine Ansagen, keine Dankesreden; nur ein perfekt einstudierter Bewegungsablauf, wie auf einem Reichsparteitag. Nach dem Hauptset klatscht Sänger Milan Fras dem Publikum respektvoll zu, verbeugt sich kurz und würdig, faltet die Hände, hebt sie demütig an seine Stirn, verweist mit den Armen auf seine Mitmusiker und verlässt die Bühne. Keyboarderin Mina blickt dabei starr geradeaus, dreht sich dann mit einer zackigen Bewegung um und geht Fras hinterher. Die anderen folgen. Das Spiel wiederholt sich noch einmal zur zweiten Zugabe. LAIBACH ist totalitäre Kunst. Sie bemächtigen sich aller musikalischen Bereiche, zersetzen sie, nehmen sie auf in ihr Kollektiv. Starke Individuen für ein starkes Ganzes. Das ist fanatisch, das ist faszinierend. Und man möchte ihnen Glück wünschen für ihre weitere Mission als Herold und Werber für das ultimative Kollektiv: Den NSK-Weltstaat.

LAIBACH Setlist Frankfurt, Batschkapp, 11.09.2012

1. B-Mashina (Siddharta Cover)
2. Final Countdown (Europe Cover)
3. America (basierend auf der US-Hymne The Star-Spangled Banner)
4. Take me to Heaven
5. Smrt za smrt
6. Brat moj
7. Ti, ki izzivaš
8. Die Liebe
9. Leben – Tod
10. See That My Grave Is Kept Clean (Blind Lemon Jefferson/Bob Dylan Cover)
11. Ballad of a Thin Man (Bob Dylan Cover)
12. Across the Universe (The Beatles Cover)
13. Tanz mit Laibach
14. Alle gegen Alle (D.A.F. Cover)
15. Du bist unser
16. Warme Lederhaut (The Normal Cover)
17. Love on the Beat (Serge Gainsbourg Cover)

18. Leben heißt Leben (Opus Cover)
19. Geburt einer Nation (Queen Cover)

20. God is God (Juno Reactor Cover)
21. Das Spiel ist aus

Links:

LAIBACH-Homepage mit umfangreichen Infos zu Werk, Kunst, Intention, Programm, Interviews, Reviews, etc.
insbesondere interessant: Manifests (mit deutlichen programmatischen Äußerungen von der Band selbst); Interviews / Oracle (mit Ausschnitten aus vergangenen Interviews und kurzen Statements zu kurzen Fragen – sehr lesenswert!); Essays (mit erstklassigen Reflexionen unabhängiger Autoren zur LAIBACH Kunst)
Victory under the sun (1988) – sehr gute und detaillierte LAIBACH-Dokumentation
What the hell is LAIBACH all about? – kurzer Erklärungsversuch vom slowenischen Philosophen Slavoj Žižek
Reproduction Prohibited Review – schönes Review zum aktuellen LAIBACH-Best-of auf African Paper

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Performances, Rezensionen

Baroness 2012 – Part 2: Baroness @ Räucherkammer Wiesbaden, 25.07.2012

Pssssst! An alle passionierten Saunagänger! Geheimtipp: Räucherkammer Wiesbaden! Im Sommer! Ausverkauftes Konzert besuchen! Do it! Now!

Zugegeben, das dort vorherrschende Aroma erinnert weniger an atemwegsbefreiende Honigaufgüsse denn an das Innere eines Zeltes nach 5 Tagen Festival, in dem sowohl sexuelle als auch alkoholische Exzesse abartiger Natur abgelaufen sind. Dennoch öffnen sich beim Betreten des kleinen Clubs im unmittelbaren Dunstkreise des Schlachthofes bereitwillig sämtliche Poren und lassen in reißenden Strömen austreten was zuvor, auf welche Weise auch immer, dem Körper zugeführt wurde.

So zuletzt persönlich erlebt beim Auftritt von Baroness am 25. Juli diesen Jahres. Geschätzte Außentemperatur: 28 Grad. Geschätzte Innentemperatur: 40 Grad (bei gefühlten 50, ob der übertrieben hohen Luftfeuchtigkeit).

Kurz nach’m Anstoß schon bereit für nen Trikotwechsel: Matt Maggioni von Baroness

Trotz  – oder vielleicht auch gerade wegen – der hastigen Bemühungen unsererseits die austretende Flüssigkeit in Form von Weizenbier dem Körper schnellstmöglich wieder zuzuführen, sind an diesem Abend einige Liter Niederschlag pro Person als schmieriger Glitschfilm auf den Fliesen der Räucherkammer unwiederbringlich zurückgelassen worden. Ebenfalls verlustig gingen: 100.000 Gehirnzellen, 2% Hörvermögen, 5% Schuhsohlensubstanz sowie sämtliche zuvor in der Geldbörse befindlichen Rückstände des symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums namens „Geld“. Diese Angaben verstehen sich pro Person, Netto.

Kurzum: War’n geiler Abend!

Auch und vor allem weil Baroness trotz des tropischen Klimas ihr Programm (scheinbar) unbeeindruckt und lässig aus dem Ärmel schüttelten wie Fips Asmussen flache Gags oder Markus Lanz hohle Phrasen. Dass es ihnen dann doch nicht ganz so leicht gefallen ist, wie es den Anschein hatte, zeigt das Kurzinterview von Perverted|Playlist welches wir kurz nach dem Auftritt mit John Baizley führten:

Perverted Playlist: John, may I ask you a question?
John Baizley: You may ask!
Perverted Playlist: Was it a big challenge to play in like a hundred degrees?
John Baizley: Man… I nearly passed out. Really. I was like dazed. My legs were shaking, haha!“

Setlist des Abends in der Räucherkammer. Besonderer Dank geht an die zwei dicken Mädels für die Leihgabe!

Umso bewundernswerter, dass die Jungs es dennoch ohne Ohnmachtsanfälle geschafft haben und das obwohl das Set nicht gerade besonders viel Raum zum Durchatmen ließ. Denn: Trotz des gerade erst veröffentlichten Doppelalbums Yellow & Green (Review auf pervertedplaylist) war der Anteil der davon gespielten Songs eher gering und so bekamen die früheren, härteren Scheiben Red Album und Blue Record naturgemäß mehr Raum. Einerseits sorgte dies natürlich besonders unter den konservativeren Anhängern für teils ausgelassene Stimmung. So kam kurzzeitig so etwas wie fröhliche Eskalation auf und dank einiger besonders akrobatischer Fans floss der Schweiß bald auch von oben.

Ausgelassene Stimmung und abgelassene Körperflüssigkeiten

Andererseits ist es etwas schade, dass das neue Album doch vergleichsweise etwas kurz kam, gerade weil es  bei einigen Songs doch sehr interessiert hätte, wie die Band diese live umsetzt und ob sie überhaupt dazu in der Lage ist (auch wenn daran nicht wirklich zu zweifeln ist).

Die fünf gespielten Songs von Y&G wurden allesamt sehr flüssig und routiniert dargeboten, wobei sich die Band hier und da sogar noch Zeit nahm der Live-Version eine eigene Note zu verpassen (so geschehen bei Cocainium, bei dem das Intro etwas verlängert wurde). Trotz der menschenverachtenden klimatischen Bedingungen kam sogar bei einigen Songs so etwas wie ‚Gänsehautfeeling‘ auf, so zum Beispiel beim perfekt vorgetragenen Eula.

Gegen Ende des Sets verlässt John Baizley mit seiner Gitarre die Bühne und bahnt sich seinen Weg durch die Massen verschwitzter Körper, laut eigener Aussage um die klimatischen  Bedingungen am anderen Ende des Raumes zu erforschen. Sichtlich befriedigt kehrt er von seiner Expedition zurück: Hinten war es nämlich deutlich kühler: Höchstens 37 Grad!

Kurz mal frisch machen… John Baizley beim erquickenden Bad in der Menge

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Performances, Rezensionen

Baroness 2012 – Part 1: Yellow and Green (Relapse Records, 2012)

Die (Metal-) Band Baroness hat mit ihrem kürzlich erschienenen Doppelalbum Yellow and Green den Wüstenstaub vergangener Veröffentlichungen abgeschüttelt und ist auf dem Weg eine gr0ße Nummer im aktuellen Alternative Rock zu werden.

Schon im unmittelbaren Vorfeld der Veröffentlichung von Y&G war die Euphorie (und zu weit geringerem Anteil auch die Enttäuschung) riesig. Zahlreiche Magazine und Foren gaben einen beeindruckenden Ausblick auf das, was die Band aus Savannah, Georgia fast drei Jahre ihres musikschaffenden Lebens beschäftigt hatte. Von einer neuen musikalischen Ausrichtung war die Rede, von einer Revolution, von einer Zäsur, auch von Verrat. Alles das ist Y&G nicht. Es ist nur die nächste (3.) Stufe einer Band die sich entwickelt. Keine neue musikalische Ausrichtung, nur eine Weiterentwicklung des musikalischen Grundgedankens. Keine Revolution, bestenfalls so etwas wie zügige Evolution. Keine Zäsur, sondern ein fließender Übergang in andere Sphären. Kein Verrat, sondern eine Umverteilung der vorherrschenden musikalischen Grundelemente.

Y&G beherbergt – deutlich hörbar – unfassbar viele Ideen. Jeder Indie-Band hätten diese Ideen vermutlich für mindestens 5 Alben (und damit wohl für mehr als die gesamte Karriere) gereicht. Baroness pflegen einen weitaus inflationäreren Umgang. Riffbasierte Hard-Rock-Songs (take my bones away) und melodiöse Balladen (mtns. (the crown & anchor)) geben sich ebenso die Klinke in die Hand wie poppige Nummern (board up the house) und sphärische Choralgesänge (twinkler).

Nun ist Baroness ja nicht die erste Band, die auf die Idee kommt verschiedene Musikstile miteinander zu vermischen. Jedoch gelingt dies nur wenigen Bands mit jener gesamtkompositorischen Geschlossenheit wie man sie auf Y&G findet. Dies sind eben die großen Stärken des Albums: Der überragende Ideenreichtum einerseits, der aber andererseits nicht dazu führt, dass der gesamtwerkliche Fluss darunter leidet. Man hat direkt den Eindruck, dass ein Großteil der Produktionszeit für das Gesamtarrangement draufgegangen sein muss, so perfekt fügen sich die einzelnen Teile ineinander.

YELLOW

Nach relativ brachialem und schnörkellosem Beginn (take my bones away, march to the sea), der aber dennoch eine Stufe weniger heftig und vor allem um einiges eingängiger ausfällt als das Gros der Songs auf den beiden Vorgängeralben, wird es erstmal hauptsächlich ruhig und balladesk, mit dem nett verspielten  und nach Ende hin etwas an Fahrt aufnehmenden Little Things, sowie dem berührenden Choralgesang aus Twinkler.  Anschließend eines der großen Highlights des Albums: Das Two-Face Cocainium. Songwriting auf ganz hohem Niveau. Hier zeigt die Band, dass sie perfekte Komposition auch innerhalb eines Liedes versteht. Die Strophe ist psychedelisch und sphärisch und weicht plötzlich und unerwartet dem heftigen und harten Chorus, der überdies auch noch verdammt gut ins Ohr geht. Es folgen das melancholische Back where I belong und die Muse-ige Uptempo-Nummer Sea Lungs, bevor die erste Hälfte des Albums, also Yellow in Eula einen mitreißenden und absolut würdigen Abschluss findet.

GREEN

Der zweite Teil des Doppelalbums nimmt zwar fast genauso flugs Fahrt auf, wie der erste dies tut. Jedoch geht es sehr bald deutlich ruhiger zur Sache. Die Metalheads unter den Baroness-Hörern müssen hier recht schnell alle Hoffnungen darauf begraben, dass Green die härtere Seite von beiden ist und sich Yellow nur als eine Art gemächlicher Hinführung versteht. Dem ist absolut nicht so. Nach dem Intro und dem sich daran anschließenden beschwingten Board up the House, welches der vielleicht einzige Fehlgriff (weil peinlicher, viel zu gut hörbarer Text) auf dem Album ist, gibt es zunächst viel Raum für Sphäre, Atmosphäre und feine Melodien. Die sich anschließenden Tracks Foolsong, Collapse, Psalms alive und Stretchmarker zeugen allesamt von der großartigen Feinfühligkeit, mit der die Band es versteht Melodien ineinander übergehen zu lassen, Atmosphäre aufzubauen und diese – nur hier und da – gekonnt durch heftigere Ausbrüche aufzubrechen. Diese Passage weckt starke Erinnerungen an den Progressive und Psychedelic Rock der 70er Jahre. Mit dem Brett The Line between nimmt das Album dann nochmal richtig Fahrt auf, bevor es mit If I forget Thee, Lowcountry leise und bedächtig ausklingt.

Auf das neue Album bezogen spricht Baroness-Frontmann John Baizley auf SPIEGEL-ONLINE von seinen musikalischen Einflüssen, nennt unter anderem Pink Floyd, deren Einfluss gerade im psychedelischen Mittelteil von GREEN besonders gut zu hören ist. So ist Y&G vielleicht kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne, so wie Pink Floyds Doppelalbum The Wall beispielsweise eines ist, jedoch vermag man sicherlich Anleihen zu erkennen, sowohl in der Art wie die Melodien geführt werden, als auch im Akribismus der Band, die Songs möglichst perfekt zu arrangieren.

Es bleibt, dass Yellow & Green ein absolut großartiges und sicherlich auch sehr langlebiges progressives Rock-Album ist. Vermutlich weil es von allem ein bisschen mehr zu bieten hat als die beiden Vorgänger: Mehr Titel, mehr Farben, mehr Songs, mehr Atmosphäre, mehr Genie, mehr Melodie, mehr Töne,…. – gut, vielleicht weniger Härte! Aber das ist eine Kategorie für engstirnige Metalheads und dazu zählen wir uns doch wohl nicht! So wird dieses Album der Band einen gehörigen Popularitätsschub verpassen – und den ersten Eindrücken nach tut es das bereits (Y&G stieg auf Platz 13 in die deutschen Charts ein!), vielleicht auf Kosten einiger verprellter Hardcore-Sludge-Metal-Fans. Doch unstrittig ist: Baroness haben sowohl musikalisch also auch auf der Popularitätsskala mit diesem Album einen riesigen Schritt nach vorn gemacht und das obwohl Mastermind John Baizley nimmermüde betont, dass es ihn einen Scheiß interessiert, was andere Leute über seine Musik denken:

Question: Has there been any backlash from early fans about a “more commercial” sound?

Answer John Baizley: Sure, but if I paid attention and reacted to it, I would be pandering to our audience, which is the least punk rock and most “commercial” thing you can do. Remember, the DIY and punk rock ethos is about finding your own identity. We will be doing that until we’re done. If it’s not for some of our fans I understand, but I resolutely refuse to make a conscious attempt to keep our fans pacified and at bay. Challenge the paradigm, so to speak.“ (interview-john-dyer-baizley-of-baroness)

Word!

Wertung 12/15

Anspieltipps: Cocainium, Back where I belong, Collapse, The Line between

Das Album steht übrigens (bislang noch) in voller Länge beim RollingStone zum Stream bereit.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Platten, Rezensionen

Billie Holiday – Fine and Mellow (CBS, The Sound of Jazz, 1957)

Die Kameras laufen schon, die Band spielt bereits die ersten Akkorde. Da treten noch zwei Personen der Runde bei. Zum einen wäre da Lester Young, der sich vorne auf einen schlecht ausgeleuchteten Stuhl setzt. Zum anderen Billie Holiday; für sie ist der Barhocker vorgesehen. Als die Saxofone einsetzen und die ihr so wohl bekannte Melodie spielen, muss sie ein bisschen stolz sein, Fine and Mellow hat sie selbst geschrieben. Aber wahrscheinlich weiß sie auch, dass diese Aufzeichnung eine ihrer bedeutendsten sein wird – und eine ihrer letzten.

Eingeladen wurden sie vom Sender CBS. Dieser bringt am 08. Dezember des Jahres 1957 in der Sendung The Sound of Jazz einige der wichtigsten Vertreter dieses Genres live ins amerikanische Fernsehen. Dabei haben die Produzenten ein glückliches Händchen bewiesen. Die Wiedervereinigung von Billie Holiday und Lester Young sollte später als Höhepunkt dieser Session gefeiert werden und gilt bis heute als einzigartiges Beispiel dafür, wie persönlich, fast schon intim, diese sterbende Kunst sein konnte.

Denn so sehr Kritiker diese Aufzeichnung auch feiern mochten; der Jazz hatte für ihn ungünstige Wege eingeschlagen. Während er für die swingenden Big-Bands der 30er vor allem tanzbar und eingängig sein sollte, verbot sich der intellektuellere Be-Bop der 40er Jahre jede Massentauglichkeit durch hektische Läufe und komplexe Rhythmen. Gleichzeitig begeisterte der Rhythm and Blues immer mehr Jugendliche. Und spätestens nach dem Siegeszug des Rock ’n‘ Roll und der Beatles in den 60ern war das 20. Jahrhundert musikalisch gespalten: Alt gegen jung, Rock gegen Jazz.

Dabei haben beide ihren Ursprung in ein und derselben Musik. Und Billie Holiday liebte sie, weil sie ihr Leben war.

 

The blues, to me, is like, being very sad, very sick or in the church, being very happy. There’s two kinds of blues: there’s happy blues, and there’s sad blues. I don’t think I ever sing the same way twice. I don’t think I ever sing the same tempo. One night, it’s a little bit slow, the next night, it’s a little bit brighter. It’s according to how I feel. I don’t know – the blues is sort of a mixed-up thing. You just have to feel it. Anything I do sing, it’s part of my life. -Billie Holiday.

 

Lady Day, so hat Lester Young sie immer genannt, hatte genug prügelnde Liebhaber, auf die der Text von Fine and Mellow zutreffen mag. Aber der ist bewusst allgemein gehalten und ihre Worte gewinnen eine viel tiefere Bedeutung, wenn man weniger darauf achtet, was sie singt, als viel mehr darauf, wie sie es singt – oder eben nicht singt.

Denn eigentlich ist Blues eine unfassbar simple Form des gemeinsamen Spielens von Musik. Die Akkorde und ihre Abfolge sind jedem so vertraut, dass das Singen oder Spielen darüber improvisiert werden kann. Natürlich haben sich über die Jahrzehnte Phrasen herausgebildet. Billie Holiday kannte sie alle. Und da ihre Stimme nicht besonders umfangreich war, hat sie das Spiel mit diesen Phrasen perfektionieren gelernt.

Den erwarteten Ton verzögert sie leicht; oder singt ihn plötzlich etwas zu tief, ein anderes Mal zu hoch. Kaum hat man diese subtile Spannung wahrgenommen, löst Holiday sie schon wieder auf. Dass der Song so unglaublich laid back daherkommt, hat einerseits natürlich mit dem wiegenden Triolenrhythmus zu tun. Andererseits landen ihre Töne aber nie exakt auf der Zählzeit, sondern immer etwas hintenan. Und die anderen Musiker hören Lady Day gern zu, weil Blues wie ein gutes Gespräch sein kann.

Die Themen sind zwar immer die selben. Dennoch hat jeder Mensch ganz eigene Erfahrungen gemacht und trägt, meist spontan, durch seine Worte etwas ganz Persönliches dazu bei. Und wie in einem Gespräch hören sich die Leute gegenseitig zu. Manche sind wütend, weil sie enttäuscht worden sind, sie spielen laut und zerrissen. Andere haben zärtliche Erfahrungen gemacht, deuten aber nur manches davon an, umspielen Melodien, lassen Pausen. Wie Lester Young. Ihm gehört das zweite Solo.

 

Lester got up, and he played the purest blues I have ever heard, and [he and Holiday] were looking at each other, their eyes were sort of interlocked, and she was sort of nodding and half–smiling. It was as if they were both remembering what had been — whatever that was. And in the control room we were all crying. When the show was over, they went their separate ways. -Nat Hentoff, Produzent.

Am 15. März 1959 stirbt Lester Young an den Folgen seines Alkoholkonsums. Seine Freundin folgt ihm wenige Monate später im Alter von 44 Jahren. Im selben Jahr arbeiten John Lennon und Paul McCartney bereits an eigenen Songs, mit denen sie das vollenden werden, was Elvis Presley schon begonnen hatte: den Jazz als das am weitesten verbreitete Musikgenre des 20. Jahrhunderts abzulösen. Nur ein Mann schafft es 1964, mit einer Jazznummer die Nr. 1 der amerikanischen Billboard Charts noch ein Mal von den Beatles zurück zu erobern. Er ist derselbe, der den Jazz 40 Jahre zuvor als ernstzunehmende Kunstform etablierte und den Billie Holiday als einen ihrer wichtigsten Einflüsse nannte. Aber zu ihm mehr in meinem nächsten Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Performances, Rezensionen