Archiv der Kategorie: Platten

Hier besprechen wir Alben, die uns rezensionswürdig erscheinen. Viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

Dämonischer Schwefelaufguss: Beherit – Drawing Down The Moon (Spinefarm Records, 1993)

1993 war ein ertragreiches Jahr für die „Second Wave of Black Metal“, besonders aus norwegischer Sicht. DARKTHRONE, BURZUM, MAYHEM, IMMORTAL, EMPEROR, ENSLAVED, aber auch die Schweden MARDUK und DISSECTION hoben allesamt majestätisch-kalte Klassiker aus dem unheiligen Taufbecken. Doch während die exaltierten Wikinger zusehends ihre Freizeit auf Gerichtsbänken und Titelseiten verbrachten, wurde nebenan im Land der tausend Seen weiterhin zweimal die Woche mit dem Gehörnten sauniert: IMPALED NAZARENE aus Oulu und BEHERIT aus Rovaniemi (beides schon rein geographisch deutlich brutaler als Bergen oder Oslo) zerrten ebenfalls zwei Bastarde der schwarzen Kunst ans Zwielicht. Nicht minder klassisch; dafür betont finnisch: radikal, asozial, böse. Während die Nuclear Sadopunks aus Oulu bis heute konsequent die Kategorien „radikal“ und „asozial“ bedienen, ist das erste offizielle Album von BEHERIT vor allem eines: vitun ilkeää – verdammt evil.

Beherit um 1991 / Pic: flickr.com

Drawing Down The Moon ist ein pechtriefender Brocken satanischer Black Death Metal aus der Schule alter SARCÓFAGO oder BLASPHEMY. Besonders BLASPHEMY lassen grüßen – und BEHERIT grüßen zurück (per Booklet). Der Einfluss der wilden Kanadier ist nicht zu leugnen: Das Album poltert und walzt sich höllisch trocken in die Gehörgänge, der Sound ist weder klirrend kalt noch melancholisch klagend, sondern unzeitgemäß fleischig, bassig, bösartig. Die Gitarren dick und schwarz wie verkohlte Kirchentore, das Schlagzeug ein dumpfer Tribut an den kettenrasselnden Knecht Ruprecht mit der Rute; mal barbarisch prügelnd, mal rumpelnd im schweren Rhythmus beladener Pestkarren.

Satanischer Groove

Im Gegensatz zu Demotagen jedoch triumphiert auf Drawing Down The Moon endlich Eigenständigkeit über Hommage. Die Produktion erscheint im Vergleich zum Vorgänger The Oath of Black Blood geradezu „klar“. Vorbei die Zeiten ungestümer Gewaltorgien und rasender Tobsucht – die Lappländer nehmen den Pferdefuß vom Gas. Die thrashigen Soli verschwinden, die Riffs scheuern sich bis auf ein paar tollwütige Ausnahmen (Down There…, Werewolf Semen and Blood) in schleppendem Midtempo die Knie blutig. Trotz ihrer Ungeschliffenheit vereinen die zwölf Songs dabei auf nuancierte Weise rohe Monotonie und beschwörend-rhythmische Passagen; der abrupte Riffwechsel im Mittelteil von Salomons Gate illustriert das sehr gut. Ja, meist verschmelzen BEHERIT die schwarzen Gift-und-Galle-Brocken gar zu einem morbiden Groove, der geradezu hypnotisierend wirkt (Sadomatic Rites, Nocturnal Evil, Unholy Pagan Fire, Thou Angel of the Gods oder das primitiv-geniale The Gate of Nanna).

Beherit und Impaled Nazarene live beim Day of Darkness Festival in Oulu, August 1991 / Pic: last.fm

Beherit und Impaled Nazarene live beim Day of Darkness Festival in Oulu, August 1991 / Pic: last.fm

Damit nimmt die Band einen Paradigmenwechsel vor. Auf The Oath of Black Blood hatte das Trio noch stark die Death Metal- und Grindcore-lastige Seite oben genannter Bands betont, indem es dem Hörer Bestialität und Hass unverhohlen ins Gesicht spie und durch ungezügelte Brutalität den Abaddon beschwor. Mit Drawing Down The Moon verlagern BEHERIT das Gewicht deutlich auf den Black Metal, stoßen bis zu seinem Wesen vor. Anstatt das Höllentor gewaltsam aufzubrechen, binden sie den Hörer in einem düster-monotonen Sog aus Dämonen und Scheiterhaufen, bis ihn ein stinkender Pfuhl aus Schwärze unweigerlich verschluckt. Es gelingt ihnen, trotz ihres brutalen Soundgewands eine Stimmung zu kreieren, die gefangen nimmt, die fassbar ist. Oh, shine of moon, of the astral gods / It ravishes, it calls us to sin… Das unheilige Ritual, die Essenz von BEHERIT – 1993 wurde sie teuflisch gut eingefangen.

Schwarze Kunst

Die Platte verströmt das Gefühl einer archaischen Kultstätte: Nackte Körper tanzen da in Trance um ein Feuer, satanische Verse lodern auf, es stinkt nach Schwefel allerorten. Erzeugt wird die bedrohliche Atmosphäre vor allem durch zwei Elemente, die Drawing Down The Moon für seine Zeit nahezu avantgardistisch machen: Da ist zum einen die mit Effekten überladene Stimme von Mastermind „Nuclear Holocausto Vengeance“ (preiswürdiges Pseudonym übrigens), die klingt, als hätte man das Predator-Monster und den Balrog von Morgoth gemeinsam für Session-Vocals engagiert. Voicechanging ist im Black Metal anno ’93 nicht gerade en vogue – von der vordergründigen Position im Mix ganz zu Schweigen. Doch der mutige SARCÓFAGO-Tribut bekommt dem Album. Selten hat man sich bei Black Metal im positiven Sinne so mies gefühlt wie im boshaften Black Arts.

Nuclear Holocausto Vengeance / Pic: deathmetal.org

Zum anderen der gezielte Einsatz von spacigen Ambient-Elementen, die der Scheibe einen mystischen Schauer verleihen (Lord of Shadows and Goldenwood). Auch die beiden Synthesizerstücke Nuclear Girl und Summerlands wirken in ihrer Ruhe nicht deplatziert, im Gegenteil: Wenn in Summerlands vor tropischen Soundscapes eine Stimme verstörend von Tod und Abschied flüstert, dann trägt das sehr zur beklemmenden Atmosphäre der Scheibe bei. BEHERIT setzen hier das Scharnier zu ihrem späteren Sound, der in den weiteren 90ern zu rein elektronischen, dem Metal völlig entfremdeten Dark Ambient Alben führen sollte und gerade 2012 mit der EP Celebrate The Dead wieder in ein hypnotisierendes Black Metal-Delirium zurück gefunden hat.

Es mag Zeit und Aufmerksamkeit kosten – Fakt bleibt: Drawing Down The Moon gehört zum Schwärzesten, Obskursten, Hässlichsten und Interessantesten, das der frühneunziger Black Metal hervorgebracht hat. Allen, denen BEHERIT bislang nur durch ihr 2009er Comeback Engram bekannt waren oder die noch immer glauben, spätestens mit A Blaze In The Northern Sky sei doch in Sachen „necrogrim“ ohnehin der Drops gelutscht gewesen, sei dringend empfohlen, ein Ohr zu riskieren. Abstoßend? Sicher. – Übertrieben? Absolut. – Authentisch? Aber zu 666 Prozent! Black Metal-Pflichtprogramm. Best enjoyed on cold winter nights of full moon.

mehr Informationen: Homepage; Encyclopaedia Metallum; Last.fm; Temple ov Beherit (Fanpage mit tonnenweise Material aus den alten Tagen); Spinefarm Records

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Baroness 2012 – Part 1: Yellow and Green (Relapse Records, 2012)

Die (Metal-) Band Baroness hat mit ihrem kürzlich erschienenen Doppelalbum Yellow and Green den Wüstenstaub vergangener Veröffentlichungen abgeschüttelt und ist auf dem Weg eine gr0ße Nummer im aktuellen Alternative Rock zu werden.

Schon im unmittelbaren Vorfeld der Veröffentlichung von Y&G war die Euphorie (und zu weit geringerem Anteil auch die Enttäuschung) riesig. Zahlreiche Magazine und Foren gaben einen beeindruckenden Ausblick auf das, was die Band aus Savannah, Georgia fast drei Jahre ihres musikschaffenden Lebens beschäftigt hatte. Von einer neuen musikalischen Ausrichtung war die Rede, von einer Revolution, von einer Zäsur, auch von Verrat. Alles das ist Y&G nicht. Es ist nur die nächste (3.) Stufe einer Band die sich entwickelt. Keine neue musikalische Ausrichtung, nur eine Weiterentwicklung des musikalischen Grundgedankens. Keine Revolution, bestenfalls so etwas wie zügige Evolution. Keine Zäsur, sondern ein fließender Übergang in andere Sphären. Kein Verrat, sondern eine Umverteilung der vorherrschenden musikalischen Grundelemente.

Y&G beherbergt – deutlich hörbar – unfassbar viele Ideen. Jeder Indie-Band hätten diese Ideen vermutlich für mindestens 5 Alben (und damit wohl für mehr als die gesamte Karriere) gereicht. Baroness pflegen einen weitaus inflationäreren Umgang. Riffbasierte Hard-Rock-Songs (take my bones away) und melodiöse Balladen (mtns. (the crown & anchor)) geben sich ebenso die Klinke in die Hand wie poppige Nummern (board up the house) und sphärische Choralgesänge (twinkler).

Nun ist Baroness ja nicht die erste Band, die auf die Idee kommt verschiedene Musikstile miteinander zu vermischen. Jedoch gelingt dies nur wenigen Bands mit jener gesamtkompositorischen Geschlossenheit wie man sie auf Y&G findet. Dies sind eben die großen Stärken des Albums: Der überragende Ideenreichtum einerseits, der aber andererseits nicht dazu führt, dass der gesamtwerkliche Fluss darunter leidet. Man hat direkt den Eindruck, dass ein Großteil der Produktionszeit für das Gesamtarrangement draufgegangen sein muss, so perfekt fügen sich die einzelnen Teile ineinander.

YELLOW

Nach relativ brachialem und schnörkellosem Beginn (take my bones away, march to the sea), der aber dennoch eine Stufe weniger heftig und vor allem um einiges eingängiger ausfällt als das Gros der Songs auf den beiden Vorgängeralben, wird es erstmal hauptsächlich ruhig und balladesk, mit dem nett verspielten  und nach Ende hin etwas an Fahrt aufnehmenden Little Things, sowie dem berührenden Choralgesang aus Twinkler.  Anschließend eines der großen Highlights des Albums: Das Two-Face Cocainium. Songwriting auf ganz hohem Niveau. Hier zeigt die Band, dass sie perfekte Komposition auch innerhalb eines Liedes versteht. Die Strophe ist psychedelisch und sphärisch und weicht plötzlich und unerwartet dem heftigen und harten Chorus, der überdies auch noch verdammt gut ins Ohr geht. Es folgen das melancholische Back where I belong und die Muse-ige Uptempo-Nummer Sea Lungs, bevor die erste Hälfte des Albums, also Yellow in Eula einen mitreißenden und absolut würdigen Abschluss findet.

GREEN

Der zweite Teil des Doppelalbums nimmt zwar fast genauso flugs Fahrt auf, wie der erste dies tut. Jedoch geht es sehr bald deutlich ruhiger zur Sache. Die Metalheads unter den Baroness-Hörern müssen hier recht schnell alle Hoffnungen darauf begraben, dass Green die härtere Seite von beiden ist und sich Yellow nur als eine Art gemächlicher Hinführung versteht. Dem ist absolut nicht so. Nach dem Intro und dem sich daran anschließenden beschwingten Board up the House, welches der vielleicht einzige Fehlgriff (weil peinlicher, viel zu gut hörbarer Text) auf dem Album ist, gibt es zunächst viel Raum für Sphäre, Atmosphäre und feine Melodien. Die sich anschließenden Tracks Foolsong, Collapse, Psalms alive und Stretchmarker zeugen allesamt von der großartigen Feinfühligkeit, mit der die Band es versteht Melodien ineinander übergehen zu lassen, Atmosphäre aufzubauen und diese – nur hier und da – gekonnt durch heftigere Ausbrüche aufzubrechen. Diese Passage weckt starke Erinnerungen an den Progressive und Psychedelic Rock der 70er Jahre. Mit dem Brett The Line between nimmt das Album dann nochmal richtig Fahrt auf, bevor es mit If I forget Thee, Lowcountry leise und bedächtig ausklingt.

Auf das neue Album bezogen spricht Baroness-Frontmann John Baizley auf SPIEGEL-ONLINE von seinen musikalischen Einflüssen, nennt unter anderem Pink Floyd, deren Einfluss gerade im psychedelischen Mittelteil von GREEN besonders gut zu hören ist. So ist Y&G vielleicht kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne, so wie Pink Floyds Doppelalbum The Wall beispielsweise eines ist, jedoch vermag man sicherlich Anleihen zu erkennen, sowohl in der Art wie die Melodien geführt werden, als auch im Akribismus der Band, die Songs möglichst perfekt zu arrangieren.

Es bleibt, dass Yellow & Green ein absolut großartiges und sicherlich auch sehr langlebiges progressives Rock-Album ist. Vermutlich weil es von allem ein bisschen mehr zu bieten hat als die beiden Vorgänger: Mehr Titel, mehr Farben, mehr Songs, mehr Atmosphäre, mehr Genie, mehr Melodie, mehr Töne,…. – gut, vielleicht weniger Härte! Aber das ist eine Kategorie für engstirnige Metalheads und dazu zählen wir uns doch wohl nicht! So wird dieses Album der Band einen gehörigen Popularitätsschub verpassen – und den ersten Eindrücken nach tut es das bereits (Y&G stieg auf Platz 13 in die deutschen Charts ein!), vielleicht auf Kosten einiger verprellter Hardcore-Sludge-Metal-Fans. Doch unstrittig ist: Baroness haben sowohl musikalisch also auch auf der Popularitätsskala mit diesem Album einen riesigen Schritt nach vorn gemacht und das obwohl Mastermind John Baizley nimmermüde betont, dass es ihn einen Scheiß interessiert, was andere Leute über seine Musik denken:

Question: Has there been any backlash from early fans about a “more commercial” sound?

Answer John Baizley: Sure, but if I paid attention and reacted to it, I would be pandering to our audience, which is the least punk rock and most “commercial” thing you can do. Remember, the DIY and punk rock ethos is about finding your own identity. We will be doing that until we’re done. If it’s not for some of our fans I understand, but I resolutely refuse to make a conscious attempt to keep our fans pacified and at bay. Challenge the paradigm, so to speak.“ (interview-john-dyer-baizley-of-baroness)

Word!

Wertung 12/15

Anspieltipps: Cocainium, Back where I belong, Collapse, The Line between

Das Album steht übrigens (bislang noch) in voller Länge beim RollingStone zum Stream bereit.

Ein Kommentar

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Böhmens Wälder sind lieblich, schwarz und tief: Master’s Hammer – The Jilemnice Occultist (Osmose Prod., 1992)

© Osmose Productions / Pic: wikimedia

Ach, já ubožák, tím širým bloudím světem – Oh, ich bin erbärmlich, ich bewandere die offene Welt… so beginnt der letzte Vers von „The Jilemnice Occultist“ der Tschechen MASTER’S HAMMER. Das Nachfolgealbum zum Debut „Ritual“ (1991), laut Fenriz (DARKTHRONE) übrigens musikalisch „actually the first norwegian (sic!) black metal album“, ist in so vielerlei Hinsicht außergewöhnlich, dass es zugegeben schwer fällt, einen Einstieg in eine Rezension zu finden, die diesem Kleinod des Black Metals auch nur im Ansatz gerecht werden könnte. But anyway – vorweg erstmal eine Geschichte:

Riesengebirge, anno 1913. Den jungen Prager Studenten Atrament führt es in das Dorf Jilemnice, Teil eines kleinen Konglomerats von Städtchen, die zu dieser Zeit von der Faszination für okkulte Praktiken ergriffen und gebannt sind. Die Dorfgemeinde trifft sich allabendlich zu Séancen im örtlichen Gasthaus „Zum Spiritus“, wo sich – aller gesellschaftlichen Unterschiede zum Trotz – das Volk den geheimnisvollen und dunklen Phänomenen hingibt. Atrament, selbst von einer gewissen Faszination für das Okkulte beseelt, doch dabei im Gegensatz zur recht einfältigen Landbevölkerung gewitzt und von sprühendem Geiste, quartiert sich dort ein und lernt die Tochter des Eigentümers, Kalamaría, kennen. Sie sind voneinander fasziniert und verbringen ihren ersten gemeinsamen Abend im Zeichen der verborgenen Künste. Doch Unfrieden droht dem Landstrich, als Herzog Clement Bombastus von Satrapold zum neuen Kommandanten der Ordnungskräfte ernannt wird. Er will nun mit eisernem Besen dem Okkultismus zu Leibe rücken, der das Land ökonomisch zu verheeren droht…

Séance-Szene aus Fritz Langs Stummfilm

Séance-Szene aus Fritz Langs Stummfilm „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922) / Pic: gettyimages

Und damit sind wir schon beim vielleicht Ungewöhnlichsten an „The Jilemnice Occultist“ (tschech. Originaltitel: „Jilemnický Okultista“). Denn es handelt sich hierbei um nichts weniger als eine waschechte Operette. Das bedeutet, hier gibt es Dramatis Personae, hier gibt es ein vollständig ausgearbeitetes Libretto, hier wird in Dialogen und Monologen in drei Akten eine kleine, phantastische und dunkle Geschichte erzählt. Über elf Songs und insgesamt 51 Minuten Spielzeit erstreckt sich das Abenteuer um den jungen Okkultisten Atrament, die schöne Kalamaría, den bösen Satrapold und noch ein paar kleinere zwielichtige Charaktere. Neugier, Liebe, Zweifel, Habgier, Witz, Gefallsucht und Depression, ja sogar ein tragischer Selbstmord werden verarbeitet, bis zum Schluss alle die Gläser erheben und der feierliche Ruf ertönt: „Sláva, sláva, sláva, pane hejtmane!“ – Ruhm und Ehre, Herr Hauptmann!

Böhmische Dörfer

Doch genau diese eigentümliche Komplexität ist es wohl auch, die das Album insgesamt etwas sperriger als noch seinen Vorgänger erscheinen lässt. Wo damals allein in Tschechien von „Ritual“ über 25 000 Exemplare verkauft werden konnten, blieb „The Jilemnice Occultist“ ein Jahr später weit hinter den Erwartungen zurück. MASTER’S HAMMER spielen hier zwar immer noch Black Metal; aber das ist gleich in doppelter Hinsicht zu relativieren. Auch wenn Fenriz „Ritual“ (nicht ganz unberechtigt) als erstes „norwegisches“ Black Metal Album bezeichnet, so unterscheidet sich der Sound der 1987 in Prag gegründeten Band doch grundlegend von der norwegisch-schwedischen Schule der frühen 90er. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die osteuropäische Szene durch den eisernen Vorhang lange Zeit die Möglichkeit hatte, sich isolierter zu entwickeln. Auf „Ritual“ findet sich definitiv Old-School Black Metal mit Tendenz zum Second Wave Sound, wie ihn etwa auch die Ungarn TORMENTOR um MAYHEM-Vocalist Attila Csihar bereits Ende der 80er zelebrierten; doch dabei auf eine sehr eigenständige, ja eben sehr „tschechische“ Art eingezimmert. Außerdem bedienen MASTER’S HAMMER mit „Ritual“ eine klassische Ästhetik: Die Lieder sind eigenständige, abgeschlossene Einheiten, die jedes für sich gehört einen Old-School Black Metal Fan ansprechen müssen. Der okkulte Gehalt steckt in jedem einzelnen Song für sich, die punkige Rohheit und blasphemisch-rebellische Urkraft kann aus jedem Lied ohne Probleme gefiltert und aufgesogen werden. Das Album erschließt sich relativ leicht, hat ursprünglichen, organischen Charakter.

Master's Hammer zu Ritual-Zeiten; v.l.n.r.: Valenta, Monster, Silenthell, Necrocock, Storm / Pic: last.fm

Master’s Hammer zu Ritual-Zeiten; v.l.n.r.: Valenta, Monster, Silenthell, Necrocock, Storm / Pic: last.fm

All das ist auf „The Jilemnice Occultist“ anders. Hier hat František Štorm, Gitarrist, Vocalist und Mastermind, wirklich alle Register der Genialität gezogen und das visuelle, lyrische und musikalische okkult-spiritistische Grundkonzept seiner Band mit den romantischen und mystischen Reizen seiner böhmischen Heimat verbunden. Dadurch hat er es gehoben und es gleichzeitig verlagert. Okkult ist nun nicht mehr (nur) das einzelne Lied, sondern die Geschichte selbst. Das hat jedoch zur Folge, dass die Platte hohe Ansprüche an den Hörer stellt. Sie will erfahren werden wie ein guter Wein, der sich auch erst im richtigen Glas und zur rechten Stunde, mit dem richtigen Ambiente und nicht zuletzt dem Wunsch nach intensiver Geschmackserfahrung auf der Basis besonderer Wertschätzung voll entfalten kann. Es reicht dabei auch nicht, das Album nur als „Konzeptalbum“ zu betrachten. Denn konzeptlos sind MASTER’S HAMMER nie. Um hier in den vollen Genuss zu kommen, sollte man sich vielmehr wirklich Zeit nehmen und das Album als das verstehen, das es ist: eine Operette. Das heißt, das Libretto zur Hand nehmen! Da Štorm grundsätzlich nur in seiner Muttersprache Texte verfasst (was allein schon aufgrund der extrem harten und passenden tschechischen Phonetik absolut begrüßenswert ist), ist es sehr hilfreich, dass der CD Version ein Überblick über das Libretto auf Englisch beiliegt. So hat man zu jedem Lied eine Handlungs- und Szenenbeschreibung, die einem hilft, der Geschichte zu folgen. Leider taten und tun das nur die wenigsten, weshalb „Jilemnice“ für die meisten das blieb, was es auch realiter bis heute ist: ein böhmisches Dorf.

Okkulter Musik-LK

Und damit komme ich zur großen Stärke dieses Albums: die musikalische Umsetzung der besonderen künstlerischen Verfasstheit des Stoffes. Wie bereits erwähnt, liefern die Jungs hier immernoch Black Metal ab. Doch dieser wurde im Gegensatz zum Vorgänger deutlich orchestraler ausgestaltet. Wer hier jedoch nun an Bands wie CRADLE OF FILTH oder DIMMU BORGIR in Phasen ihrer entrücktesten Umnachtungen denkt, liegt völlig daneben. MASTER’S HAMMER sind weit von irgendwelchem Melodic oder Symphonic „Black“ Metal der späten 90er und frühen 2000er entfernt. Hier gibt es keine Plastik-Klischees oder bis zum Erbrechen in den Vordergrund gemixte Keyboards, die aussagefreie Zirkusmusik dudeln. Dieses Album zeigt vielmehr eine Band, die sich ganz klar einer künstlerischen Avantgarde zurechnet. Virtuos werden hier Old-School Elemente wie sehr akzentuiertes, treibendes, aber stets dynamisches Gitarrenspiel und donnernde, bisweilen die Stimmung durch Blastbeats unterstützende Drums mit geradezu klassisch anmutender Kompositionsweise verbunden. Schon auf „Ritual“ hatten MASTER’S HAMMER einen festen Paukisten im Lineup, doch auf „The Jilemnice Occultist“ nehmen die Timpani von Silenthell nun einen deutlich wichtigeren Platz und mehr Raum ein. Das Keyboard von Vlasta Voral bringt in nie überladen wirkender Weise, sondern sehr bewusst und oft in Einheit mit Pauke und Gitarren die Atmosphäre in Richtung Gänsehaut. Sogar in GLORY, HERR HAUPTMANN…!, dem wohl markantesten weil verspieltesten Track des Albums, wirkt das Keyboard nie penetrant, sondern im Gegenteil ungemein geistreich, frisch und originell und fügt sich so trotz seiner Auffälligkeit harmonisch in dieses Stück, das mit seinen vielen Ideen wie etwa Chorgesang, Fanfaren- oder Xylophonanklängen eine merkwürdig heroische Stimmung erzeugt, die zu jeder Sekunde mitreißt – dabei jedoch nie den schmalen Grad zwischen okkulter Düsternis und skurrilem Humor verlässt. Selbst eine OUVERTURE fehlt dem Album nicht, in der durch mystische Keyboardstaccatos und dramatische Gitarren und Pauken die Dynamik der Geschichte hervorragend antizipiert wird. Das Anfangsthema des Keyboards sowie einige Gitarrenpassagen werden dann auch im letzten Track SUCHARDA’S HOME in Reminiszenzen wieder aufgegriffen.

Master's Hammer Promo-Shot, ca. 1991 / Pic: last.fm

Master’s Hammer Promo-Shot, ca. 1991 / Pic: last.fm

Aber das wirklich Spannende und Faszinierende an der Komposition sind die feinen Elemente einer Sinfonischen Dichtung. Man hat fast das Gefühl, MASTER’S HAMMER haben sich hier ein wenig an ihrem Landsmann Bedřich Smetana und seinem bekannten Werk „Má vlast“ orientiert. Wenn in A DARK FOREST SPREADS ALL AROUND Herzog Satrapold eine Jagd unternimmt, während der er einen Reitunfall erleidet, sitzt man gebannt vor den Lautsprechern und lauscht den treibenden Paukenschlägen und der Doublebass, die zusammen mit den dezent an Jagdhörner erinnernden Gitarren und Keyboards die Szenerie gewaltig und bedrohlich vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Wenn in IN THE MISERY OF FATE I’M HAUNTED… der tragische Blether sein Schicksal beklagend und von Alkohol getränkt durch die Straßen irrt, kann man im traurigen Hauptthema des Stücks förmlich seinen verzweifelten Selbsthass hören und das Keyboard singt dabei über den Blether unweigerlich auf den Abgrund zutreibenden Gitarren das Klagelied der Seele. Vor seinem Selbstmord wird die Zuspitzung durch gewaltige Paukenwirbel und ein bedrohliches Messerwetzen deutlich, während disharmonische Keyboard- und Gitarrenläufe sich unaufhaltsam in den Wahnsinn schrauben.

One throat to rule them all

Über alledem thront die unvergleichliche Stimme von Franta Štorm. Seine einzigartigen, gekrächzten Black Metal Vocals, die er vermutlich durch eine spezielle Inhale-Technik hervorbringt, waren schon auf „Ritual“ markant. Doch was er hier abliefert, ist so jenseits von Gut und Böse, dass man nur noch mit offenem Mund vor seiner Anlage sitzt. Die mit solcher emotionalen Inbrust raus geächzten tschechischen Libretto-Verse lassen einem wahrlich das Blut in den Adern kochen und gefrieren zugleich. Dabei verändert Štorm, je nach Sprechrolle, die Tonlage seiner zerschundenen Kehle, sodass man, wenn man genau darauf achtet, sogar die Personen voneinander unterscheiden kann (z.B. schön zu hören in MY CAPTAIN…). Das Album gewinnt dadurch ungemein an Persönlichkeit, nicht zuletzt durch kleine lyrische Details, die zusammen mit der tondichterischen Heransgehensweise die Geschichte lebendig machen. Das absolut kultige Husten Atraments und das Lachen der Wahrsagerin in AMONG THE HILLS A WINDING WAY, oder der kauzige Germanismus „Himmelherrgott“ des überführten Bösewichts Poebeldorf in OH, MY PRECIOUS SIR, DO YOU REMEMBER WHEN… sind dafür nur zwei Beispiele.

Fazit: „The Jilemnice Occultist“ ist nichts weniger als ein Stück Black Metal-Geschichte. Es war damals einzigartig und hat bis heute nichts von seiner Sonderstellung eingebüßt. Was da 1992 aus den böhmischen Wäldern heraus schallte ist ein echtes Kunstwerk und sollte als solches begriffen werden. Die Songs funktionieren auch einzeln, das Album verzeichnet musikalisch keinen Ausfall. Dennoch erlangt man aufgrund der komplexen konzeptuell-stilistischen Darbietung einen wirklich tief dringenden Hörgenuss erst dann, wenn man mit Libretto und vielleicht einem guten tschechischen Bier auf der Couch sitzt und auf all die Details achtet, die, setzt man sie richtig zusammen, dieses besondere Album zu einem echten Trip machen. Man wird belohnt für seine Beschäftigung mit dem Werk. Wenn man will, kann man sich auch den Spaß machen und die tschechischen Verse einmal durch den Translator jagen. Das Ergebnis kann zwar in keiner Weise befriedigen, aber es wird ungefähr deutlich, wieviel poetische Kraft in der Feder von Franta Štorm steckt.

Master's Hammer heute; v.l.n.r.: Franta Štorm, Vlasta Voral / Pic: last.fm

Master’s Hammer heute; v.l.n.r.: Franta Štorm, Vlasta Voral / Pic: last.fm

Die einzigen Kritikpunkte, die man dem Album vorhalten kann, sind vielleicht die zum Ende hin ein wenig unglaubwürdige Wendung der Geschichte sowie das stellenweise zu getriggert klingende und im Bereich der Doublebass etwas dünn abgemischte Schlagzeug, was aber im Hinblick auf die Atmosphäre der Platte sehr marginal ausfällt. Leider hat das Album nie die Beachtung erfahren, die es verdient hätte. 1992 war ein Wendejahr im Black Metal und ein halbes Jahr später sollte die ganze Welt gebannt auf eine Szene in Skandinavien schauen, die von einer Medienkampagne ohne Beispiel zum Trend erklärt und ausgeschlachtet wurde. Es verdunkelte sich um MASTER’S HAMMER. Doch das ist gut so. Es gewährleistete der Band die Ruhe, ihre eigenen Wege zu gehen, abseits von Hype und Kommerz. Gerade erst erschien ihr neues Album „Vracejte konve na místo“. Aufgenommen in den böhmischen Wäldern, erschienen im Selbstverlag. Nahtlos anknüpfend an die großen Zeiten. Doch nur für die, die sich darum bemühen…

Für mehr Informationen zu Master’s Hammer und ihrem Werk: Homepage; Encyclopaedia Metallum
Label: Osmose Productions

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