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Dämonischer Schwefelaufguss: Beherit – Drawing Down The Moon (Spinefarm Records, 1993)

1993 war ein ertragreiches Jahr für die „Second Wave of Black Metal“, besonders aus norwegischer Sicht. DARKTHRONE, BURZUM, MAYHEM, IMMORTAL, EMPEROR, ENSLAVED, aber auch die Schweden MARDUK und DISSECTION hoben allesamt majestätisch-kalte Klassiker aus dem unheiligen Taufbecken. Doch während die exaltierten Wikinger zusehends ihre Freizeit auf Gerichtsbänken und Titelseiten verbrachten, wurde nebenan im Land der tausend Seen weiterhin zweimal die Woche mit dem Gehörnten sauniert: IMPALED NAZARENE aus Oulu und BEHERIT aus Rovaniemi (beides schon rein geographisch deutlich brutaler als Bergen oder Oslo) zerrten ebenfalls zwei Bastarde der schwarzen Kunst ans Zwielicht. Nicht minder klassisch; dafür betont finnisch: radikal, asozial, böse. Während die Nuclear Sadopunks aus Oulu bis heute konsequent die Kategorien „radikal“ und „asozial“ bedienen, ist das erste offizielle Album von BEHERIT vor allem eines: vitun ilkeää – verdammt evil.

Beherit um 1991 / Pic: flickr.com

Drawing Down The Moon ist ein pechtriefender Brocken satanischer Black Death Metal aus der Schule alter SARCÓFAGO oder BLASPHEMY. Besonders BLASPHEMY lassen grüßen – und BEHERIT grüßen zurück (per Booklet). Der Einfluss der wilden Kanadier ist nicht zu leugnen: Das Album poltert und walzt sich höllisch trocken in die Gehörgänge, der Sound ist weder klirrend kalt noch melancholisch klagend, sondern unzeitgemäß fleischig, bassig, bösartig. Die Gitarren dick und schwarz wie verkohlte Kirchentore, das Schlagzeug ein dumpfer Tribut an den kettenrasselnden Knecht Ruprecht mit der Rute; mal barbarisch prügelnd, mal rumpelnd im schweren Rhythmus beladener Pestkarren.

Satanischer Groove

Im Gegensatz zu Demotagen jedoch triumphiert auf Drawing Down The Moon endlich Eigenständigkeit über Hommage. Die Produktion erscheint im Vergleich zum Vorgänger The Oath of Black Blood geradezu „klar“. Vorbei die Zeiten ungestümer Gewaltorgien und rasender Tobsucht – die Lappländer nehmen den Pferdefuß vom Gas. Die thrashigen Soli verschwinden, die Riffs scheuern sich bis auf ein paar tollwütige Ausnahmen (Down There…, Werewolf Semen and Blood) in schleppendem Midtempo die Knie blutig. Trotz ihrer Ungeschliffenheit vereinen die zwölf Songs dabei auf nuancierte Weise rohe Monotonie und beschwörend-rhythmische Passagen; der abrupte Riffwechsel im Mittelteil von Salomons Gate illustriert das sehr gut. Ja, meist verschmelzen BEHERIT die schwarzen Gift-und-Galle-Brocken gar zu einem morbiden Groove, der geradezu hypnotisierend wirkt (Sadomatic Rites, Nocturnal Evil, Unholy Pagan Fire, Thou Angel of the Gods oder das primitiv-geniale The Gate of Nanna).

Beherit und Impaled Nazarene live beim Day of Darkness Festival in Oulu, August 1991 / Pic: last.fm

Beherit und Impaled Nazarene live beim Day of Darkness Festival in Oulu, August 1991 / Pic: last.fm

Damit nimmt die Band einen Paradigmenwechsel vor. Auf The Oath of Black Blood hatte das Trio noch stark die Death Metal- und Grindcore-lastige Seite oben genannter Bands betont, indem es dem Hörer Bestialität und Hass unverhohlen ins Gesicht spie und durch ungezügelte Brutalität den Abaddon beschwor. Mit Drawing Down The Moon verlagern BEHERIT das Gewicht deutlich auf den Black Metal, stoßen bis zu seinem Wesen vor. Anstatt das Höllentor gewaltsam aufzubrechen, binden sie den Hörer in einem düster-monotonen Sog aus Dämonen und Scheiterhaufen, bis ihn ein stinkender Pfuhl aus Schwärze unweigerlich verschluckt. Es gelingt ihnen, trotz ihres brutalen Soundgewands eine Stimmung zu kreieren, die gefangen nimmt, die fassbar ist. Oh, shine of moon, of the astral gods / It ravishes, it calls us to sin… Das unheilige Ritual, die Essenz von BEHERIT – 1993 wurde sie teuflisch gut eingefangen.

Schwarze Kunst

Die Platte verströmt das Gefühl einer archaischen Kultstätte: Nackte Körper tanzen da in Trance um ein Feuer, satanische Verse lodern auf, es stinkt nach Schwefel allerorten. Erzeugt wird die bedrohliche Atmosphäre vor allem durch zwei Elemente, die Drawing Down The Moon für seine Zeit nahezu avantgardistisch machen: Da ist zum einen die mit Effekten überladene Stimme von Mastermind „Nuclear Holocausto Vengeance“ (preiswürdiges Pseudonym übrigens), die klingt, als hätte man das Predator-Monster und den Balrog von Morgoth gemeinsam für Session-Vocals engagiert. Voicechanging ist im Black Metal anno ’93 nicht gerade en vogue – von der vordergründigen Position im Mix ganz zu Schweigen. Doch der mutige SARCÓFAGO-Tribut bekommt dem Album. Selten hat man sich bei Black Metal im positiven Sinne so mies gefühlt wie im boshaften Black Arts.

Nuclear Holocausto Vengeance / Pic: deathmetal.org

Zum anderen der gezielte Einsatz von spacigen Ambient-Elementen, die der Scheibe einen mystischen Schauer verleihen (Lord of Shadows and Goldenwood). Auch die beiden Synthesizerstücke Nuclear Girl und Summerlands wirken in ihrer Ruhe nicht deplatziert, im Gegenteil: Wenn in Summerlands vor tropischen Soundscapes eine Stimme verstörend von Tod und Abschied flüstert, dann trägt das sehr zur beklemmenden Atmosphäre der Scheibe bei. BEHERIT setzen hier das Scharnier zu ihrem späteren Sound, der in den weiteren 90ern zu rein elektronischen, dem Metal völlig entfremdeten Dark Ambient Alben führen sollte und gerade 2012 mit der EP Celebrate The Dead wieder in ein hypnotisierendes Black Metal-Delirium zurück gefunden hat.

Es mag Zeit und Aufmerksamkeit kosten – Fakt bleibt: Drawing Down The Moon gehört zum Schwärzesten, Obskursten, Hässlichsten und Interessantesten, das der frühneunziger Black Metal hervorgebracht hat. Allen, denen BEHERIT bislang nur durch ihr 2009er Comeback Engram bekannt waren oder die noch immer glauben, spätestens mit A Blaze In The Northern Sky sei doch in Sachen „necrogrim“ ohnehin der Drops gelutscht gewesen, sei dringend empfohlen, ein Ohr zu riskieren. Abstoßend? Sicher. – Übertrieben? Absolut. – Authentisch? Aber zu 666 Prozent! Black Metal-Pflichtprogramm. Best enjoyed on cold winter nights of full moon.

mehr Informationen: Homepage; Encyclopaedia Metallum; Last.fm; Temple ov Beherit (Fanpage mit tonnenweise Material aus den alten Tagen); Spinefarm Records

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