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Totalitäre Kunst: Laibach @ Batschkapp Frankfurt/M., 11.09.2012

Pic: Ruska

We are no ordinary type of group / We are no humble pop musicians / We don’t seduce with melodies / And we’re not here to please you / We have no answers to your questions / Yet we can question your demands / We don’t intend to save your souls / Suspense is our device (Laibach, WAT, 2003)

LAIBACH ist Sloweniens größter kultureller Export. Eine der ersten und bedeutendsten Martial Industrial Bands, wichtige Inspiration für Gruppen wie RAMMSTEIN oder NINE INCH NAILS; wegweisend und innovativ bis heute. Musikalisch kennen sie keine Berührungsängste. Sie haben in über dreißig Jahren Bandgeschichte fast das komplette Spektrum moderner wie klassischer Musik in ihren Sound integriert, mal gemeinsam mit einem Orchester Wagner mit Jazz und Electro verbunden oder für die Death Metal Ikone MORBID ANGEL das Remixing beaufsichtigt. 2012 nun der Soundtrack zur Nazi-Satire „Iron Sky“, bei dem wieder fleißig aus Wagner zitiert wird.

Dabei verlangen LAIBACH wie kaum eine andere so erfolgreiche Band unserer Zeit eine intensive Werkinterpretation, ästhetisches und geschichts-politisches Bewusstsein. Es wurde viel über sie geschrieben, Kunst- und Kulturtheoretiker, Soziologen und Philosophen aus aller Welt arbeiten sich an ihrer Kunst ab. Seit der Gründung im slowenischen Trbovlje 1980 erschaffen LAIBACH ein provokatives Gesamtkunstwerk aus Musik, Malerei, Grafik, Film, Aktionskunst und sind der musikalische Arm des 1984 von ihnen mitbegründeten Künstlerkollektivs NSK (Neue Slowenische Kunst), das 1992 durch den utopischen NSK-Staat ersetzt wurde.
Man könnte denken, ohne eine ausreichende Beschäftigung mit den politisch-ideologischen und industriellen Verhältnissen im post-titoistischen Jugoslawien der 80er Jahre sei ein absolutes Verständnis der künstlerischen Intention von LAIBACH und NSK im Grunde kaum zu erreichen; und vielleicht ist das so. Dennoch ist LAIBACH intuitiv erfahrbar. Besonders dann, wenn sie ihre Musik live inszenieren.

Retrogardistische Provokation

We come in peace: LAIBACH Occupy Frankfurt / Pic: Ruska

Ein LAIBACH Konzert ist keine normale Musikveranstaltung. Ihre Show ist mitreißend, bewegend und gleichzeitig so martialisch-steif und durchorganisiert wie eine totalitäre Massenkundgebung – ein Gesamtkunstwerk. Dazu gehört auch das Publikum. Da stehen bepatchte Black Metal-Lederjacken neben RAMMSTEIN-Jüngern, bebrillte Normalos mit Filialleitergesicht neben Darkwavern, Industrial-Fans und der Oldschool EBM-Sektion Frankfurt. Einige haben sich besonders in Schale geworfen: Man trägt militärische Parteiuniform im Nürnberg-Stil, Hemd, Krawatte, Koppel, hier und da sieht man Armeeschiffchen auf den Köpfen; die Frisuren gereichen meist einem Reinhard Heydrich zur Ehre. Das ist der LAIBACH-Faktor. Das ist die Avantgarde, oder, um es mit LAIBACH zu sagen, die Retro-Avant-Garde.
Retrogardistisch ist auch das Merchandiseprogramm. Tonträger nehmen nur eine kleine Rolle ein, viel wichtiger die Propaganda-Artikel: Shirts mit den LAIBACH Symbolen, schwarzen Kreuzen, Jungvolk-Trommlern – „Die erste Bombardierung! Laibach über dem Deutschland!“ Dazu breit gefächert Accessoires für jedermann: weiße Armbinden mit dem schwarzen Kreuz der NSK, Krawatten, die passenden Nadeln dazu, schwere Ledergürtel mit LAIBACH-Koppelschlössern, Mützen mit den Slogans „Arbeit macht frei“ oder „Arbeit macht nicht frei“, „Antisemitism“-Kondome; außerdem „LAIBACH organic soap“ mit der Aufschrift „Schwitz aus!“ – mehr Provokation geht definitiv nicht.

Und ich habe auch nichts gegen Provokation. Ich bilde mir sogar ein, LAIBACHs Art von Provokation einigermaßen zu verstehen – und ich mag sie. Doch genau das lässt mir zumindest Teile der Devotionalien suspekt erscheinen. Gerade bei einer Band, die offensichtlich auf einem soliden intentionalen Fundament ruht, was ihre Kunst angeht, ist mir die Stoßrichtung plumper Nazi-Phrasen auf Cappies nicht ganz klar. Es bleibt dabei, dass solche Artikel, losgelöst von ihren sinnstiftenden künstlerischen Bezugsrahmen, versagen müssen; was sie leider schnell der Geldmacherei verdächtig macht, wofür wiederum die saftigen Preise sprechen mögen: denn 25 € für ein T-Shirt, 15 € für ein Stück Seife oder 10 € für ein stinknormales Tourposter gehen mir dann doch zu weit. Einziges Manko des Abends. Dennoch fügt sich selbst die Registrierkasse ins Gesamtkunstwerk ein: vorne prangt gut sichtbar ein weiß-ovaler Länderkennzeichenaufkleber des NSK-Staates. LAIBACH, der Fiskus.

Monumental Retro-Avant-Garde / Pic: Ruska

„Meinen die das ernst, oder ist das Ironie?!“ – das ist sicher die häufigste Reaktion auf LAIBACH, gerade von westlicher Seite. Doch die Frage geht völlig am Werk der Slowenen vorbei. Mit für und wider kann man ihre Kunst nicht fassen, muss man sie zwangsläufig missverstehen. Ihr Konzept ist keine Parodie, keine Kritik; aus der Sloterdijkschen Einsicht heraus, dass im spätkapitalistischen Zeitalter ohnehin jeder ideologische Diskurs an Zynismus kranken muss. Stattdessen bietet LAIBACH Doppeldeutigkeit und Irritation, ihr Stilmittel ist eine subversive Überidentifikation mit totalitären Systemen. „All art is subject to political manipulation (indirectly – consciousness; directly), except for that which speaks the language of this same manipulation.“ (LAIBACH, 1982)

Sie fingen an, indem sie totalitärer auftraten als der jugoslawische Staat selbst. Allein der Bandname, der deutsche Name für die slowenische Hauptstadt Ljubljana, war eine kalkulierte politische Provokation. Ihre Ästhetik faschistoid, ihre Auftritte martialisch, ihre Interviews entpersonalisierte, komponierte, ideologische Manifeste. LAIBACH entwickelten sich entlang der Geschichte, veränderten sich vor allem musikalisch – verarbeiteten Pop, Rock, Post-Punk, Metal, Techno, Ambient – doch das ideelle Fundament blieb zementiert bis heute: „Kunst ist politisch.“ LAIBACH ist weder Osten noch Westen, es ist der Spiegel dazwischen. Nicht umsonst wurde das NSK-Kollektiv zum globalen Utopie-Staat (der übrigens ein paar Botschaften unterhält, sowie eigene Ausweise druckt): Der NSK-Staat ist die unabhängige künstlerische Kraft jenseits territorialer Grenzen und Systeme, die diese nicht kritisiert, sondern sie adaptiert, konserviert und in Beziehung setzt, neue Wege offenbart. LAIBACH projizieren historische Traumata und deren Aktualität gezielt in die Köpfe; Totalitarismus, Gesellschaft, Religion, Krieg, Ideologie, Philosophie, Industrie, Führerkult und nationale Identität sind ihre Hauptthemen, die sie oft verstörend und doppeldeutig inszenieren. So auch in Frankfurt.

We Come In Peace…

Kunst ist politisch: LAIBACH live (Alle gegen Alle) / Pic: Ruska

Die zwei Projektoren, mit denen die Band ihre Musik schon seit langem visuell unterstützt, werfen bereits das Tourplakat auf die Leinwand: WE COME IN PEACE. LAIBACHs September-Tour läuft weiterhin unter dem Motto des Nazi-Trash-Streifens Iron Sky, für den sie den kompletten Soundtrack geschrieben und bereits im Frühjahr intensiv präsentiert haben. Dennoch soll der Set ein Querschnitt durch ihr Werk sein; nicht zuletzt, weil gerade mit Reproduction Prohibited: An Introduction to… LAIBACH ihr erstes „Best-of“ erschienen ist, das vor allem das bekannteste Trademark der Slowenen illustriert: ihre einzigartige Begabung, Klassiker des Rock/Pop und Beat-Mainstreams in völlig neue Sound- und Bedeutungsgewänder zu kleiden.

Nach einem kurzen Wagner-Intro geht es los mit dem „Iron Sky-Part“ des Sets. Die Bühne ist in ein passend blau-stählernes Licht getaucht. Auch wenn nur zwei der vier Songs auf dem Soundtrack vertreten sind, so bilden sie dennoch eine Einheit. Der perfekte Opener B-Mashina und das EUROPE-Cover Final Countdown bilden den dramatisch-heroischen Auftakt, stimmungsvoll unterlegt mit den nicht weniger dramatischen Szenen der Space-Götterdämmerung aus dem Film. Danach führen das melancholisch-traurige und doppeldeutige America (Gänsehaut!) vom hervorragenden 2006er Album Volk und das wiederum auf dem Soundtrack vertretene, Chanson-artige Take me to Heaven in ruhige, verträumte Gefilde. Hier kann zum ersten mal Sängerin und Synthesizerin Mina Špiler zeigen, wie wichtig sie für das LAIBACH-Feeling anno 2012 ist. Ohne ihre überwältigend schöne und vielseitige Stimme als Kontrast zum düsteren Sprechgesang von Milan Fras, der sich hier auch mitunter mal ganz zurückziehen darf, aber auch ohne ihre anmutig-strenge Erscheinung wäre die Atmosphäre nicht mehr denkbar. Auch hier untermalen Iron Sky-Szenen die Performance, langsamer, thematisch näher an die emotionale Stimmung gerückt; Umarmungen, Zwietracht, Küsse, Tränen.

…and Darkness

Damit endet dieser Block; es wird düster, musikalisch wie visuell. Ein Interlude aus psychotisch disharmonischen Keyboardläufen, Schreien und Lasergewitter markiert den Bruch; mit Smrt za smrt, Brat moj und Ti, ki izzivaš greifen LAIBACH weit zurück in ihre Anfänge. Die dunkel beschwörende Stimme von Sänger Milan wird getragen von bedrohlichen Keyboardmelodien und einem stampfenden Industrial-beat mit hämmernden und kreischenden Samples; die Bühnenbeleuchtung ist düster, Milans Gesicht angestrahlt – verstörende Pianorolls und -akkorde, Angstschreie. Smrt za smrt könnte auch der Soundtrack zu einem Horrorstreifen sein. Die Leinwand ist nun erfüllt mit dunkler Symbolik, Maschinenrädern, alten, schwarz-weißen Fotografien; Textzeilen laufen auf Deutsch und Englisch durch das Bild. Die Lieder handeln von Tod und Wagnis. Beim sphärisch dahinziehenden und mit blubbernden Bässen und Hammerschlägen angereicherten Brat moj sieht man in warmen Rottönen eine Frau bei der langsamen Fellatio. „Do you feel the courage raised by night… Schreite mit uns zum neuen Lichte empor“. LAIBACH ist auch Erotik. Denn auch Erotik ist Verführung und Selbstbehauptung.

Es bleibt altehrwürdig, mit zwei absoluten Industrial-Klassikern aus den Anfangstagen. Die Liebe vom Nova Akropola-Album und Leben – Tod vom ’87er Meilenstein Opus Dei, in ihren Originalversionen schonungslos monotone Maschinen-Stampfer, über deren Hammerschlägen die tief gesprochenen deutschen Schlagsätze von Frontmann Milan kreisen, verlieren zwar 2012 live durch die sphärisch eingängigeren Synthesizerklänge, Elektro-Beats und die Gesangsparts von Mina etwas von ihrer unbändigen, fast anarchischen Urkraft. Dafür sind sie umso druckvoller und werden von Instrumenten und Lichtshow auf fulminante Höhepunkte geführt. Sehr geil. Beide Songs sind im Übrigen ein perfektes Beispiel für LAIBACHs Gefühl dafür, eine marschierende Einheit zu schaffen aus Industrie-Monotonie und schiebendem Groove, wobei durch die Texte eine zusätzliche Entfremdung stattfindet. Die Stimmung pendelt in ständiger Unsicherheit – doch das macht es so interessant.

Reproduction Prohibited

Mit dem BOB DYLAN-Cover See That My Grave Is Kept Clean wird nun endgültig der zweite Teil des Konzerts eingeläutet, die Lieder werden eingängiger. Und bekannter. Die Cover häufen sich. Der Rest des Sets ist eine Führung durch die geniale Änderungsschneiderei der Band. LAIBACH verstehen es meisterhaft, Tunes großer Bands zu nehmen und sie – ohne willkürliche textliche Änderungen – musikalisch und in ihrer Bedeutung völlig neu zu definieren. Sie verpassen ihnen martialischen Elektro-Sound sowie die unverwechselbare Intonation und stellen sie so, gleichzeitig Tribut wie Eigenkomposition, in den Dienst der LAIBACH-Kunst.
Dabei sind gleich zwei Songs im Set neu und erstmals auf dem Anfang September erschienenen Best-of zu finden: BOB DYLAN’s Ballad of a Thin Man sowie das THE NORMAL-Cover Warm Leatherette, von LAIBACH typisch irritierend eingedeutscht zu Warme Lederhaut. Der Song behandelt wiederum Sex, visualisiert durch Szenen nackter Hautpartien. Ballad of a Thin Man stellt einen zwischenzeitlichen Höhepunkt des Auftritts dar. Der Song ist live noch beklemmend-schöner als auf CD und wird unterstützt durch an die Wand geworfene, zerlaufende Textteile, die ein verlorenes Gefühl erzeugen. Epic.

Danach ist bei Mina Špiler’s Solo im wunderschönen BEATLES-Cover Across the Universe vom Let it Be-Album wieder Zeit zum Runterkommen und Relaxen, bevor es mit Tanz mit Laibach nochmal so richtig auf die zwölf gibt. Der martialische EBM-Techno Smasher vom Album WAT lässt dann auch keinen mehr unbewegt – zum ersten Mal springt auch physisch der Funken voll aufs Publikum über. Das Video zum Lied, über die Projektoren abgespielt, ist visuelles Aufputschmittel par excellence, Sänger Milan schmettert über den hämmernden Beat die Textzeilen: Mit Totalitarismus / Und mit Demokratie / Wir tanzen mit Faschismus / Und roter Anarchie / Eins, zwei, drei, vier / Deutsches Volk komm tanz mit mir! Der Song ist ein tolles Beispiel für den doppeldeutigen Massenverführungseffekt, mit dem LAIBACH so gerne spielt. Dennoch finde ich, dass die komplett elektronische Version des Liedes, bedingt durch das aktuelle Line-Up, nicht die Wirkung erzielt, die es noch beispielsweise 2004 in der klassischeren Rock-Besetzung mit Gitarre und Bass sowie den effektvollen Trommlerinnen erreichen konnte. Die sphärischen Synthesizer hier und da können den Unterschied leider nicht ganz ausgleichen; das Stück büßt zuviel von seiner harten Note ein.
Das D.A.F.-Cover Alle gegen Alle macht politisch weiter. Der Track wummert und groovt über einem rockigen Beat unaufhörlich vorwärts, die ambivalenten Lyrics kommen fast bedrohlich rüber. Auf der Leinwand im Hintergrund hebt sich zum Takt immerfort ein rechter Arm, ein Junge schlägt auf eine Trommel. Die Stimmung ist theatralisch, Spannung liegt in der Luft. Starke Performance!

LAIBACH fordern, das Volk gehorcht: Tanz mit Laibach! / Pic: Ruska

Nach Du bist unser, Warme Lederhaut und dem SERGE GAINSBOURG-Cover Love on the Beat verlassen LAIBACH die Bühne. Jedoch nur, um kurz darauf mit zwei der größten Hits ihrer Karriere zurückzukehren, die auch gleichzeitig Paradebeispiele sind für die Kunst der Band, Mainstream-Klassiker in totalitär verführerische Heroenstücke umzudeuten. Aus dem Bierzelt-Hit Live is Life von OPUS wird Leben heißt Leben, aus der Stadion-Rock-Hymne One Vision von QUEEN wird Geburt einer Nation. Beide Stücke erschienen 1987 auf dem wegweisenden Opus Dei. Besonders Geburt einer Nation ist ein Prototyp subversiver Umdeutung. Mit Freddie Mercury’s Worten erzeugen LAIBACH lediglich durch eine Übertragung des Textes ins Deutsche und wenige subtile Vokabelauslegungen ein nationalistisches, faschistoides Gefühl.
Dabei beschwören die Slowenen nicht nur durch die harte deutsche Phonetik absichtlich historische Schauer herauf, sondern setzen sich auch intensiv mit dem Zusammenhang von Totalitarismus, Verführung und Starkult auseinander; der Beziehung von Hype, Charisma und Massenhysterie, welche sich gerade in einer Band wie QUEEN hervorragend manifestiert, wo ein Freddie Mercury in riesigen Arenen die Massen dirigierte. „The Star system has its own rational foundation: in the fascist form of totalitarianism it helped the people to transcend their immediate traumatic existence by identification with the leader. The Hollywood principle awakens belief and recognition that there is a world in which the fulfilment of dreams is reality.“ (LAIBACH, 1986-1990)

Beide Songs erfahren musikalisch die typische LAIBACH-Kur: aus positiven Feelgood-Schlagern werden martialisch-heroische Hymnen mit starrem Gestus. Viel Fanfare, viel Marsch. Im Sinne des Gesamtkunstwerks LAIBACH haben diese das Gefühl in beiden Liedern auch optisch umgesetzt. Die Videos zu Life is Life und Geburt einer Nation sind völlig geile Manifeste bierernsten Humors oder humorloser Komik. Es ruft im ersten Moment ein Grinsen hervor, wenn man die Band in Life is Life in völkischer Tracht mit granitharten Mienen und Frisuren über alpine Gipfel stapfen sieht. Doch je länger das Video dauert, desto mehr verwandelt sich Belustigung in Irritation und man findet sich plötzlich selbst fasziniert von der martialischen Ästhetik. (Wenn man die Videos kennt, versteht man auch schnell, woher RAMMSTEIN die Idee zu ihrem Stripped-Cover nahmen.)
Die Intensität dieses Effektes kann die live-Performance allerdings nicht erreichen. Dafür fehlt LAIBACH 2012 ein wenig der totalitäre Habitus. Dennoch findet man sich wohlig verunsichert, sobald das Keyboard-Intro von Geburt einer Nation abgeklungen ist, der Song in einen militanten Stampfer übergeht und Milan die Stimme erhebt: „Ein Mensch! Ein Ziel! Eine Weisung!“ – eine klasse Zugabe.

Totalitäre Einheit

„Gebt mir ein Leitbild!“: Sänger Milan Fras / Pic: Ruska

Nach einer zweiten Draufgabe mit dem ursprünglich Metal-lastigen, heute jedoch in eine metallisch pumpende EBM-Nummer verwandelten JUNO REACTOR-Cover God is God und dem passenden Schlusstitel Das Spiel ist aus ist das Spektakel dann auch wirklich vorbei. Nach über 2 Stunden Spielzeit treten LAIBACH endgültig ab.
Seit jeher und ungeachtet aller Personalwechsel besteht die Besetzung, so liest man es in allen Booklets und Interviews der Band, aus Eber, Saliger, Dachauer und Keller. LAIBACH ist ein Kollektiv. Das ist wesentlich, das ist Kunstprogramm. Der Einzelne tritt zurück und macht Platz für die totale Kunst. Außer durch die Stücke selbst und ihre Inszenierung findet keine verbale Kommunikation mit dem Publikum statt. Keine Ansagen, keine Dankesreden; nur ein perfekt einstudierter Bewegungsablauf, wie auf einem Reichsparteitag. Nach dem Hauptset klatscht Sänger Milan Fras dem Publikum respektvoll zu, verbeugt sich kurz und würdig, faltet die Hände, hebt sie demütig an seine Stirn, verweist mit den Armen auf seine Mitmusiker und verlässt die Bühne. Keyboarderin Mina blickt dabei starr geradeaus, dreht sich dann mit einer zackigen Bewegung um und geht Fras hinterher. Die anderen folgen. Das Spiel wiederholt sich noch einmal zur zweiten Zugabe. LAIBACH ist totalitäre Kunst. Sie bemächtigen sich aller musikalischen Bereiche, zersetzen sie, nehmen sie auf in ihr Kollektiv. Starke Individuen für ein starkes Ganzes. Das ist fanatisch, das ist faszinierend. Und man möchte ihnen Glück wünschen für ihre weitere Mission als Herold und Werber für das ultimative Kollektiv: Den NSK-Weltstaat.

LAIBACH Setlist Frankfurt, Batschkapp, 11.09.2012

1. B-Mashina (Siddharta Cover)
2. Final Countdown (Europe Cover)
3. America (basierend auf der US-Hymne The Star-Spangled Banner)
4. Take me to Heaven
5. Smrt za smrt
6. Brat moj
7. Ti, ki izzivaš
8. Die Liebe
9. Leben – Tod
10. See That My Grave Is Kept Clean (Blind Lemon Jefferson/Bob Dylan Cover)
11. Ballad of a Thin Man (Bob Dylan Cover)
12. Across the Universe (The Beatles Cover)
13. Tanz mit Laibach
14. Alle gegen Alle (D.A.F. Cover)
15. Du bist unser
16. Warme Lederhaut (The Normal Cover)
17. Love on the Beat (Serge Gainsbourg Cover)

18. Leben heißt Leben (Opus Cover)
19. Geburt einer Nation (Queen Cover)

20. God is God (Juno Reactor Cover)
21. Das Spiel ist aus

Links:

LAIBACH-Homepage mit umfangreichen Infos zu Werk, Kunst, Intention, Programm, Interviews, Reviews, etc.
insbesondere interessant: Manifests (mit deutlichen programmatischen Äußerungen von der Band selbst); Interviews / Oracle (mit Ausschnitten aus vergangenen Interviews und kurzen Statements zu kurzen Fragen – sehr lesenswert!); Essays (mit erstklassigen Reflexionen unabhängiger Autoren zur LAIBACH Kunst)
Victory under the sun (1988) – sehr gute und detaillierte LAIBACH-Dokumentation
What the hell is LAIBACH all about? – kurzer Erklärungsversuch vom slowenischen Philosophen Slavoj Žižek
Reproduction Prohibited Review – schönes Review zum aktuellen LAIBACH-Best-of auf African Paper

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