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Ein paar Gedanken zu Bieber, Schiller und Artisten an sich

Damit eins klar ist: Ich rege mich hier nicht auf. Das würde ja bedeuten, dass mich der 1:10-minütige Trail of Tears durch die Forbes-Geisterbahn der zehn bestverdienenden Prominenten, den ich gerade – warum auch immer – hinter mich gebracht habe, in irgendeiner Weise emotional aufgeladen hätte. Gott bewahre. Mir sind die grotesk geschminkten Horrorclowns des Medienzirkus persönlich so egal wie der neue Ford Mondeo. Oder Bettwanzen im Vatikan. Aber ein bisschen nachgedacht habe ich schon, das stimmt. Nur halt nicht so viel… Ich hatte leider nur wenig Zeit dazu. Denn ich habe diesen Informationsbeitrag eben beim Frühstück angeschaut. Müsli mit ganzen Nüssen und Rosinen. Und dann dauert es immer nur 6-8 Minuten bis ich aufs Klo muss. True story. Danach reißt einfach jeglicher Gedankenfaden unweigerlich ab! Egal ob Stein der Weisen oder Sinn des Lebens – auf dem Klo gibt’s nur „Fröhliches Gevögel“ oder die Hitler-Biographie. Aus. Tja und jetzt steht mir der Sinn halt eher nach Masturbieren und NS-Schergen als noch einen Gedanken mehr auf den Nippes von eben zu verwenden. Daher bleibt es bei den spontanen Assoziationen und ein, zwei Zitaten, die mir so einmal durch den Kopf und auch schnell wieder raus gegangen sind, als ich Justin Biebergeil und seine geilen Bieberschwestern an den Fäden des Schicksals habe zappeln sehen. Aber sei’s drum. Inspiration ist halt was anderes. Sowas wie…

Friedrich Schiller zum Beispiel! Der hat Sachen gesagt. Das glaubt man nicht. Hier: „Es ist nicht wahr, was man gewöhnlich behaupten hört, daß das Publikum die Kunst herabzieht; der Künstler zieht das Publikum herab, und zu allen Zeiten, wo die Kunst verfiel, ist sie durch die Künstler gefallen. Das Publikum braucht nichts als Empfänglichkeit, und diese besitzt es. Es tritt vor den Vorhang mit einem unbestimmten Verlangen, mit einem vielseitigen Vermögen. Zu dem Höchsten bringt es eine Fähigkeit mit; es erfreut sich an dem Verständigen und Rechten, und wenn es damit angefangen hat, sich mit dem Schlechten zu begnügen, so wird es zuverlässig damit aufhören, das Vortreffliche zu fordern, wenn man es ihm erst gegeben hat.“ (Die Braut von Messina, Kap. 2)

Stark. Aber gut, Schiller… was is das? 18. Jahrhundert. Da gab’s ja auch noch Kaiser und Hexenverbrennungen. Oder Länder wie „Sachsen-Weimar“. Aber nicht mal ne Cola oder Adidas! Richtig Profi. Also wie? „zu allen Zeiten, wo die Kunst verfiel, ist sie durch die Künstler gefallen“. Mhm. Gut, im Mittelalter waren die Leute ja nicht nur kleiner, sondern hatten wohl auch noch ein einfacheres Bild von einem Künstler. Der hat standardmäßig irgendwie gemeißelt, gemalt, gespielt oder Rhymes gedroppt und dabei meistens dann noch wahlweise was erfunden, politisch gestaltet oder berühmte Lesezirkel gehostet, bzw. mit Tee versorgt. Oder beides. Heute liegt der Lesezirkel beim Urologen aus, alles ist schon erfunden und man wird maximal noch als Unescounicefwhatsoev-Botschafter für Trivialität und Kinder in Talkshows eingeladen. Was will der Künstler da auch machen? Ungereimte Briefe an Israel schreiben?
Was der Fritz mit seinen damaligen Sanitärverhältnissen und direkten Nachbarstaaten wie Hessen-Kassel oder Schwarzburg-Sondershausen nicht wissen konnte, ist ja, dass wir heute in einer unheimlich dynamischen und globalisierten Welt leben. Denglish ist völlig selbstverständlich. Und das heißt nicht nur Eventmanagement und Outsourcing, sondern eben auch Kindergarten und Blitzkrieg! Und dementsprechend sagt man heute auch nicht mehr Künstler, sondern artist. Dabei ist natürlich klar, dass artist hier nicht von lat. ars=die Kunst kommen kann. Denn Latein spricht ja heute keiner mehr. Die Römer sind alle längst wieder in Rom und Italien glänzt heute mehr durch solide Staatsfinanzen als durch imperiale Legionen. Nein, das englische artist kommt natürlich wiederum vom deutschen Artist! Was wiederum der Sprache des Wanderzirkus entlehnt ist und da soviel heißt wie Schlangenmensch, Jahrmarktzauberer, Rummelboxer, Hütchenspieler! Die Konnotation ist völlig eindeutig. Mehr noch als in Schillers wilden, Schweinfurter Grün-inspirierten Fieberphantasien von irgendwelchen Publikums-verführenden, vom Kunsthimmel gefallenen Erzengeln liegt heute das Gewicht auf dem Genie, auf dem genius qua natura, das durch göttliche Gunst in den Artisten fuhr, unerlernbar, unerreichbar, unfehlbar, uns zu beglücken. Der Star ist der Gott unserer gottlosen Zeit. Die Glotze ist sein Tempel. Dieter Bohlen sein Prophet. Und Friedrich Schiller reif für die Autodafé, verdammt nochmal!

Oder Achtung, auch völlig irre: „Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohltätige Gottheit reiße den Säugling bei Zeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn mit der Milch eines bessern Alters und lasse ihn unter fernem griechischen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre er, eine fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück; aber nicht, um es mit seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen. Den Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form von einer edleren Zeit, da jenseits aller Zeit, von der absoluten unwandelbaren Einheit seines Wesens entlehnen.“ (Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 9. Brief)

Krasser Typ, oder? Soll ja auch viel an verschimmelten Äpfeln geschnüffelt haben. Junge, Junge. Also ich fasse zusammen: Zeitreisen sind für Schiller nicht nur möglich, sondern sogar moralische Verpflichtung. Griechenland ist der perfekte Ort um aufzuwachsen und ein mündiger Bürger zu werden. Agamemnons Sohn war als Reinigungskraft angestellt. Schneider- und Bäckerhandwerk gedeihen am besten unabhängig voneinander und auch am besten zu verschiedenen Zeitepochen, wobei der Bäcker dabei das jenseitige Ideal darstellt, also am besten tot wäre. Irgendwelche „Wesen“ werden auch noch genannt, von denen sich der Bäcker Förmchen „entlehnen“ könnte, doch das soll hier der Einfachheit halber besonders verschimmelten Apfelgrutzen zugeschoben werden. (Irgendwo hörts ja auch auf.)
Zugegeben: wo mein Pritt-Stift gerade so offen hier steht, muss ich sagen, ist es ganz lustig, sich vorzustellen, wie Justin Bieber von irgendeiner „wohltätigen Gottheit“ (vielleicht einer Borreliose-Zecke?) von dieser Zeit gelöst und Kojaks Mama an die Brust gelegt wird um ihn zu säugen. Das würde schonmal das Haar-Problem lösen. Anschließend bringt ihn Hermes, der Götterbote vom Hermes-Versand, dann ins Griechenland von 2012, damit er sich dort von einem gewaltbereiten, zornigen Mob perspektivloser Jugendlicher als zwifaches Symbol von Kapitalismus und Verrat (immerhin ist sein Milchbruder Telly Savalas ja griechischer Abstammung) durch die Dörfer treiben lassen kann, bis er 35 geworden ist. In der heutigen Zeit kann man da einfach mehr „Mann werden“ als früher. Danach hätte er tatsächlich „eine fremde Gestalt“. Vermutlich würde er Samuel Koch in der Reha begegnen und beide würden bei „Menschen 2012“ von ihren Wünschen und Träumen berichten und wirklich ein paar Muttis zu echten Tränen rühren und einen Phóbos-Éleos-Kátharsis-Effekt erzielen. Eine echte Tragödie. Eine „Reinigung“.  Ich stelle den Kleber mal weg.

Tja, was bleibt? Die Tatsache, dass unter den zehn größten Mammon-Mumien der Welt gleich sieben Sängerinnen (sic!) die vordersten Grabstätten belegen sowie ein völlig unzeitgemäßer, verwirrter Dichter-Philosoph, der keinen Plan hat was ein Werbevertrag ist, oder wieviel „Taler“ so ein einzelner Mensch in seinem umbrella-ella-ella-ella wohl rumtragen kann. Wenn er selbst mehr zu essen gehabt hätte als Kornähren, Pilze und nicht ganz so vergorene Äpfel und vielleicht einen Majordeal anstatt bloß immer die Almosen literaturgeiler Adels-Snobs mit Profilneurose, dann hätte er vielleicht schönere Worte gefunden für die Artisten unserer Zeit; und sie beglückwünscht zu solch wunderbarer Musik des Geldes.

FAZ, 14.07.2012: Forbes-Liste. Die zehn bestverdienenden Stars

„zu allen Zeiten, wo die Kunst verfiel, ist sie durch die Künstler gefallen.“
Roch gern an Vergorenem: Philosoph und Überlebens-Künstler Friedrich Schiller

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