Schlagwort-Archive: sludge metal

Baroness 2012 – Part 1: Yellow and Green (Relapse Records, 2012)

Die (Metal-) Band Baroness hat mit ihrem kürzlich erschienenen Doppelalbum Yellow and Green den Wüstenstaub vergangener Veröffentlichungen abgeschüttelt und ist auf dem Weg eine gr0ße Nummer im aktuellen Alternative Rock zu werden.

Schon im unmittelbaren Vorfeld der Veröffentlichung von Y&G war die Euphorie (und zu weit geringerem Anteil auch die Enttäuschung) riesig. Zahlreiche Magazine und Foren gaben einen beeindruckenden Ausblick auf das, was die Band aus Savannah, Georgia fast drei Jahre ihres musikschaffenden Lebens beschäftigt hatte. Von einer neuen musikalischen Ausrichtung war die Rede, von einer Revolution, von einer Zäsur, auch von Verrat. Alles das ist Y&G nicht. Es ist nur die nächste (3.) Stufe einer Band die sich entwickelt. Keine neue musikalische Ausrichtung, nur eine Weiterentwicklung des musikalischen Grundgedankens. Keine Revolution, bestenfalls so etwas wie zügige Evolution. Keine Zäsur, sondern ein fließender Übergang in andere Sphären. Kein Verrat, sondern eine Umverteilung der vorherrschenden musikalischen Grundelemente.

Y&G beherbergt – deutlich hörbar – unfassbar viele Ideen. Jeder Indie-Band hätten diese Ideen vermutlich für mindestens 5 Alben (und damit wohl für mehr als die gesamte Karriere) gereicht. Baroness pflegen einen weitaus inflationäreren Umgang. Riffbasierte Hard-Rock-Songs (take my bones away) und melodiöse Balladen (mtns. (the crown & anchor)) geben sich ebenso die Klinke in die Hand wie poppige Nummern (board up the house) und sphärische Choralgesänge (twinkler).

Nun ist Baroness ja nicht die erste Band, die auf die Idee kommt verschiedene Musikstile miteinander zu vermischen. Jedoch gelingt dies nur wenigen Bands mit jener gesamtkompositorischen Geschlossenheit wie man sie auf Y&G findet. Dies sind eben die großen Stärken des Albums: Der überragende Ideenreichtum einerseits, der aber andererseits nicht dazu führt, dass der gesamtwerkliche Fluss darunter leidet. Man hat direkt den Eindruck, dass ein Großteil der Produktionszeit für das Gesamtarrangement draufgegangen sein muss, so perfekt fügen sich die einzelnen Teile ineinander.

YELLOW

Nach relativ brachialem und schnörkellosem Beginn (take my bones away, march to the sea), der aber dennoch eine Stufe weniger heftig und vor allem um einiges eingängiger ausfällt als das Gros der Songs auf den beiden Vorgängeralben, wird es erstmal hauptsächlich ruhig und balladesk, mit dem nett verspielten  und nach Ende hin etwas an Fahrt aufnehmenden Little Things, sowie dem berührenden Choralgesang aus Twinkler.  Anschließend eines der großen Highlights des Albums: Das Two-Face Cocainium. Songwriting auf ganz hohem Niveau. Hier zeigt die Band, dass sie perfekte Komposition auch innerhalb eines Liedes versteht. Die Strophe ist psychedelisch und sphärisch und weicht plötzlich und unerwartet dem heftigen und harten Chorus, der überdies auch noch verdammt gut ins Ohr geht. Es folgen das melancholische Back where I belong und die Muse-ige Uptempo-Nummer Sea Lungs, bevor die erste Hälfte des Albums, also Yellow in Eula einen mitreißenden und absolut würdigen Abschluss findet.

GREEN

Der zweite Teil des Doppelalbums nimmt zwar fast genauso flugs Fahrt auf, wie der erste dies tut. Jedoch geht es sehr bald deutlich ruhiger zur Sache. Die Metalheads unter den Baroness-Hörern müssen hier recht schnell alle Hoffnungen darauf begraben, dass Green die härtere Seite von beiden ist und sich Yellow nur als eine Art gemächlicher Hinführung versteht. Dem ist absolut nicht so. Nach dem Intro und dem sich daran anschließenden beschwingten Board up the House, welches der vielleicht einzige Fehlgriff (weil peinlicher, viel zu gut hörbarer Text) auf dem Album ist, gibt es zunächst viel Raum für Sphäre, Atmosphäre und feine Melodien. Die sich anschließenden Tracks Foolsong, Collapse, Psalms alive und Stretchmarker zeugen allesamt von der großartigen Feinfühligkeit, mit der die Band es versteht Melodien ineinander übergehen zu lassen, Atmosphäre aufzubauen und diese – nur hier und da – gekonnt durch heftigere Ausbrüche aufzubrechen. Diese Passage weckt starke Erinnerungen an den Progressive und Psychedelic Rock der 70er Jahre. Mit dem Brett The Line between nimmt das Album dann nochmal richtig Fahrt auf, bevor es mit If I forget Thee, Lowcountry leise und bedächtig ausklingt.

Auf das neue Album bezogen spricht Baroness-Frontmann John Baizley auf SPIEGEL-ONLINE von seinen musikalischen Einflüssen, nennt unter anderem Pink Floyd, deren Einfluss gerade im psychedelischen Mittelteil von GREEN besonders gut zu hören ist. So ist Y&G vielleicht kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne, so wie Pink Floyds Doppelalbum The Wall beispielsweise eines ist, jedoch vermag man sicherlich Anleihen zu erkennen, sowohl in der Art wie die Melodien geführt werden, als auch im Akribismus der Band, die Songs möglichst perfekt zu arrangieren.

Es bleibt, dass Yellow & Green ein absolut großartiges und sicherlich auch sehr langlebiges progressives Rock-Album ist. Vermutlich weil es von allem ein bisschen mehr zu bieten hat als die beiden Vorgänger: Mehr Titel, mehr Farben, mehr Songs, mehr Atmosphäre, mehr Genie, mehr Melodie, mehr Töne,…. – gut, vielleicht weniger Härte! Aber das ist eine Kategorie für engstirnige Metalheads und dazu zählen wir uns doch wohl nicht! So wird dieses Album der Band einen gehörigen Popularitätsschub verpassen – und den ersten Eindrücken nach tut es das bereits (Y&G stieg auf Platz 13 in die deutschen Charts ein!), vielleicht auf Kosten einiger verprellter Hardcore-Sludge-Metal-Fans. Doch unstrittig ist: Baroness haben sowohl musikalisch also auch auf der Popularitätsskala mit diesem Album einen riesigen Schritt nach vorn gemacht und das obwohl Mastermind John Baizley nimmermüde betont, dass es ihn einen Scheiß interessiert, was andere Leute über seine Musik denken:

Question: Has there been any backlash from early fans about a “more commercial” sound?

Answer John Baizley: Sure, but if I paid attention and reacted to it, I would be pandering to our audience, which is the least punk rock and most “commercial” thing you can do. Remember, the DIY and punk rock ethos is about finding your own identity. We will be doing that until we’re done. If it’s not for some of our fans I understand, but I resolutely refuse to make a conscious attempt to keep our fans pacified and at bay. Challenge the paradigm, so to speak.“ (interview-john-dyer-baizley-of-baroness)

Word!

Wertung 12/15

Anspieltipps: Cocainium, Back where I belong, Collapse, The Line between

Das Album steht übrigens (bislang noch) in voller Länge beim RollingStone zum Stream bereit.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Platten, Rezensionen